Full text: Tonkunst, Bildende Kunst, Dichtung, Weltanschauung (E,1.1902)

Bildende Kunst. 
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bloß vom Standpunkt der Phantasiethätigkeit, sondern als 
psychisches Ganzes überhaupt zu betrachten. 
Und da ergiebt sich denn folgendes. Die drei Jahrhunderte 
von etwa 1450 bis 1750 bringen bekanntlich die Lösung von 
der mittelalterlichen „Gebundenheit“; ihr erstes ganz hervor—⸗ 
stechendes Ereignis ist in Deutschland die Reformation: die 
Befreiung des mittelalterlichen Menschen von jeder fremden Ver⸗ 
mittlung seiner religiösen Beziehungen zum Absoluten, seien 
sie auch durch die Einrichtungen einer vielleicht noch so treff⸗ 
lichen Kirche gewährleistet, ferner die Gotteskindschaft des Ein— 
zelnen, d. h. die Möglichkeit des Einzelnen, daß er — nur 
die eine Schranke bleibt: innerhalb der Grenzen der evangelischen 
Botschaft — fromm werde auf eigenem Wege. Indem aber 
diese Jahrhunderte den Einzelnen befreien, vereinzeln sie ihn 
zugleich: nie, weder früher noch später, ist der Einzelne so sehr 
auch isoliert, ein für sich stehender Mikrokosmos, menschlich 
also gesellschaftslos gewesen und gedacht worden. Das Natur— 
recht, dem die Staatslehre dieser Zeit entwuchs, gipfelte in 
der Auffassung, daß der Staat eine mechanische Summation 
von Individuen sei, die eines Tages aus freien Stücken zu— 
sammengetreten seien, um unter freiwilligem Aufgeben des 
ihnen angeborenen Rechtes absoluter Freiheit eben ihn, den 
Staat, sei es als Demokratie, sei es als Monarchie, zu be— 
gründen; und das abschließende philosophische System dieses 
Zeitalters, das Leibnizens, stellte sich die Welt als System von 
Kräften vor, deren jede, sehr bezeichnend Monade genannt, 
gänzlich unabhängig von der anderen dastehe und mit der 
anderen nur dadurch in Verbindung sei, daß sie, je nach der 
Feinheit der Durchbildung, ein ebenso richtiges, mehr oder 
minder umfassendes Bild der Welt in sich widerspiegele, wie 
die anderen. Das sind charakteristische Kennzeichen einer Zeit, 
deren innerstes Wesen man schon verhältnismäßig früh erkannt 
hat, indem man es als individualistisch bezeichnete. 
Wie ordnet sich nun diesem Zeitcharakter der besondere 
Charakter der Phantasiethätigkeit, in unserem speziellen Falle 
wieder der der Malerei, ein? Einfach genug. Das, was in
	        
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