Full text: Tonkunst, Bildende Kunst, Dichtung, Weltanschauung (E,1.1902)

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Bildende Lunst. 
ein Ornament, und nur ein Ornament, heraus. Wie ist diese 
Thatsache nun erklärlich, die überlieferungsmäßig ganz feststeht 
und sich in den niederen Kulturstufen anderer Völker ständig 
wiederholt? Einfach durch den Umstand, daß das künstlerische 
Bild nicht nach der Natur aufgenommen wurde, sondern viel⸗ 
mehr an der Hand der gedächtnismäßig zurückgebliebenen Vor—⸗ 
stellungen des einst Erschauten: der Germane sah im allgemeinen 
nicht intensiver als so, daß er von dem Gegenstand ein orna— 
mentales Bild behielt; und dies fixierte er nachher, wenn seine 
Phantasie ihn zum Schaffen anregte. 
Man mache die Probe, ob man denn selbst — wenn nicht 
Künstler — heute schon Gesehenes im allgemeinen um so vieles 
schärfer behalte; man beobachte die Kinder, die, wenn sie 
zeichnen, nach der Darstellungsweise der niederen Kulturstufen 
verfahren. 
Also: von dem Inhalt des Bildes auf der Netzhaut, das 
die volle Welt der Erscheinungen wiedergiebt, wurde nur ein 
geringer Bruchteil in die Vorstellung gehoben, zu anschaulicher 
Vorstellung umgeformt, und dieser Teil war Grundlage der 
Kunstübung. 
Nun versteht sich ohne weiteres der Entwicklungsgang der 
deutschen Malerei und bildenden Kunst überhaupt — wie auch 
der ganz analoge Entwicklungsgang der Kunst anderer Völker: 
aus dem physiologischen Bild wird immer mehr in die ge⸗ 
dächtnismäßig klare Anschauung gehoben, die Annäherung der 
Kunst an die Erscheinung der Dinge nimmt zu, die Kunst 
wird immer naturalistischer. In welchen Entwicklungsstufen 
das geschieht, wissen wir. Fügen wir nur noch hinzu, daß das 
Eintreten der höheren Stufen durch eine immer stärkere Inten— 
sität des Lebens, durch den Übergang schließlich zum Schaffen 
nach dem Modell vermittelt werden mußte, und daß diese Ver— 
mittlung nur möglich war, wenn Künstler zu sein ein be— 
sonderer Beruf ward: die wirtschaftliche Arbeitsteilung, die 
Möglichkeit einer sozialen Schichtung, in der viele materiell 
produzieren, um anderen die Möglichkeit zu geben, rein dem 
Schauen zugewandt intensiver zu sehen und hieraus genauer
	        
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