Full text: Tonkunst, Bildende Kunst, Dichtung, Weltanschauung (E,1.1902)

II. 
1. Da ist nun vor allem zu betonen, daß die Ent— 
wicklung grade der bildenden Kunst in Deutschland während 
der Anfänge des subjektivistischen Zeitalters alles andere als 
leicht und damit auch einfach gewesen ist. So sicher das bis 
auf den heutigen Tag letzte Ziel, der moderne Impressionismus, 
schließlich erreicht worden ist, so verworren waren die Wege, 
die zu dieser entwicklungsgeschichtlichen Landmarke führten. 
Grund hierfür war in erster Linie der ungeheure Kräfte— 
verfall unseres Volkes seit etwa 1530 bis 1550. 
Wir hatten seit dem 12. und 18. Jahrhundert in unserer 
inneren Entwicklung ebensoviel Glück gehabt wie Unglück im 
äußeren Schicksal. In denselben Zeiten, in denen das große 
mittelalterliche Kaisertum seit dem Investiturstreit troß so 
glänzender Herrschergeschlechter, wie es Salier und Staufer 
waren, ja eben wegen der wunderbaren Kraft dieser Herrscher 
blutvoll und majestätisch wie die sinkende Sonne eines klaren 
Abendhimmels zu Grunde ging, wurde unsere Kultur beinah 
unerwartet aufs nachhaltigste befruchtet. Schon spurenhaft 
vorhandene Anfänge einer engeren Welthandelsverbindung mit 
dem mittelländischen Becken des asiatisch-europäischen Kultur— 
kreises bildeten sich rasch aus; durch die Kolonisation des 
heutigen deutschen Nordostens wurde die Ostsee erschlossen und 
für Norddeutschland ein großer internationaler westöstlicher 
Handel mit den Endpunkten London, Bergen, Nowgorod be— 
gründet. Die Folge war eine reißende Zunahme der Städte— 
kultur in ganz Deutschland und eine in unerwarteter Schnellig⸗
	        
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