Bildende Kunst.
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Hatte man nun damit den ganzen Kreis der Alten durch—
wandert? Nein, noch gab es an einer Stelle zu lernen, da,
wo die Alten dem Licht-Farbeneindruck als Grundelement des
malerischen Sehens und Schaffens am nächsten getreten waren:
für die Deutschen bei gewissen Holländern der großen Zeit, wie
Pieter de Hooch, Terborch u. a., für die Franzosen (und dadurch
teilweis auch Vlamen) bei gewissen Italienern und Spaniern
des 17. Jahrhunderts, am Ende vornehmlich bei Velasquez.
Es war ein letzter Moment der Abhängigkeit von den Alten,
der, soweit die deutsch-vlamische Entwicklung in Betracht kam,
auch an ein bestimmtes Stoffgebiet anknüpfte, an das Sittenbild:
denn in diesem hatten sich die vorbildlichen Meister der Vergangen—
heit zumeist bewegt. Die Anfänge liegen hier in Flandern;
das erste ein Wahrzeichen bildende Kunstwerk ist Leys' „Hoch—
zeit im 17. Jahrhundert“ (1845). Leys hat sich dann in einer
zweiten Periode, seit Mitte der fünfziger Jahre, mehr von den
alten Vlamen des 15. Jahrhunderts und Dürer beeinflussen
lassen, womit der Übergang zur religiösen Malerei zusammen—
hing; hier ist auch der Punkt, wo entwicklungsgeschichtlich die
religiös-archaische Malerei des Düsseldorfers v. Gebhardt und
seiner Schüler abzweigt. Im inneren Deutschland aber kam
das historische Sittenbild zur rechten Blüte erst mit den sechziger
Jahren, etwa gleichzeitig, eher etwas früher, als die damals
einsetzende Bewegung einer kunstgewerblichen Renaissance; seine
Höhezeit fällt etwa in die Zeit der Münchener Ausstellung und
das Jahr 1876; und in München, in Diez und seiner Schule,
hat es wohl auch seine besten Triumphe gefeiert.
Es war in dem letzten Jahrzehnt der vollen Lebenskraft
jenes Historismus, der seit den zwanziger und dreißiger Jahren
die Nation so vielfach, und nicht bloß auf ästhetischem Gebiete,
hatte rückwärts schauen lassen: jenes Historismus, der die studierende
Jugend in besonderer Andacht vor den Kathedern der Geschichts—
professoren versammelte, der in der Vergangenheit etwas an
sich und selbstverständlich Besseres verehrte, der den Enthusias—
mus des Antiquars erzeugte und die Begeisterung für die po—
litische Größe des Mittelalters, der den historischen Roman und