Full text: Tonkunst, Bildende Kunst, Dichtung, Weltanschauung (E,1.1902)

Bildende Kunst. 
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Hatte man nun damit den ganzen Kreis der Alten durch— 
wandert? Nein, noch gab es an einer Stelle zu lernen, da, 
wo die Alten dem Licht-Farbeneindruck als Grundelement des 
malerischen Sehens und Schaffens am nächsten getreten waren: 
für die Deutschen bei gewissen Holländern der großen Zeit, wie 
Pieter de Hooch, Terborch u. a., für die Franzosen (und dadurch 
teilweis auch Vlamen) bei gewissen Italienern und Spaniern 
des 17. Jahrhunderts, am Ende vornehmlich bei Velasquez. 
Es war ein letzter Moment der Abhängigkeit von den Alten, 
der, soweit die deutsch-vlamische Entwicklung in Betracht kam, 
auch an ein bestimmtes Stoffgebiet anknüpfte, an das Sittenbild: 
denn in diesem hatten sich die vorbildlichen Meister der Vergangen— 
heit zumeist bewegt. Die Anfänge liegen hier in Flandern; 
das erste ein Wahrzeichen bildende Kunstwerk ist Leys' „Hoch— 
zeit im 17. Jahrhundert“ (1845). Leys hat sich dann in einer 
zweiten Periode, seit Mitte der fünfziger Jahre, mehr von den 
alten Vlamen des 15. Jahrhunderts und Dürer beeinflussen 
lassen, womit der Übergang zur religiösen Malerei zusammen— 
hing; hier ist auch der Punkt, wo entwicklungsgeschichtlich die 
religiös-archaische Malerei des Düsseldorfers v. Gebhardt und 
seiner Schüler abzweigt. Im inneren Deutschland aber kam 
das historische Sittenbild zur rechten Blüte erst mit den sechziger 
Jahren, etwa gleichzeitig, eher etwas früher, als die damals 
einsetzende Bewegung einer kunstgewerblichen Renaissance; seine 
Höhezeit fällt etwa in die Zeit der Münchener Ausstellung und 
das Jahr 1876; und in München, in Diez und seiner Schule, 
hat es wohl auch seine besten Triumphe gefeiert. 
Es war in dem letzten Jahrzehnt der vollen Lebenskraft 
jenes Historismus, der seit den zwanziger und dreißiger Jahren 
die Nation so vielfach, und nicht bloß auf ästhetischem Gebiete, 
hatte rückwärts schauen lassen: jenes Historismus, der die studierende 
Jugend in besonderer Andacht vor den Kathedern der Geschichts— 
professoren versammelte, der in der Vergangenheit etwas an 
sich und selbstverständlich Besseres verehrte, der den Enthusias— 
mus des Antiquars erzeugte und die Begeisterung für die po— 
litische Größe des Mittelalters, der den historischen Roman und
	        
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