Full text: Tonkunst, Bildende Kunst, Dichtung, Weltanschauung (E,1.1902)

Bildende Kunst. 
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es, der zuerst auf Grund der Errungenschaften seiner Mit— 
strebenden die Landschaft von Fontainebleau auf ihre ein— 
fachen großen Linien zurückführte, der mit wenigen aufgesetzten 
Farben und noch lieber mit der großzügigen Sprache des 
Pastellstifts die Daseinsharmonie dieser Landschaft enträtselte: 
den klaren, fast lebendig atmenden Bau des Geländes, das 
Schwingen der Luft, das Leuchten des Himmels im Silber der 
Mittagssonne oder in den wogenden Strahlen des Abendrots. 
So erschien ihm die Landschaft belebt, pathetisch, heroisch ganz 
ohne den Aufwand der gezeichneten Kulissen des älteren klassi— 
zistischen Idealismus: die Imponderabilien triumphierten, die 
Mutter Erde sprach gleichsam aus ihnen: es war der tiefe 
Herzschlag des Pantheismus. Und in diese Landschaft trat 
der Mensch — der Landmann in seiner nackten Wahrheit. Den 
Bauer nicht bei seinen Festen, wo er dem neugierigen Städter 
interessant“ erscheint, nein, den Bauer bei seiner Arbeit, in dem 
schweren, von Jahr zu Jahr wiederholten Kampfe und in dem 
doch zugleich so ruhigen Zusammensein mit der Natur hat Millet 
nach den ewigen Zügen seines Wesens geschildert: als den un— 
erläßlichen Bestandteil und doch zugleich harten, hart arbeitenden 
Herrscher der Kulturlandschaft. Und das geschah mit den— 
selben großen Zügen, mit denen er die Landschaft wieder⸗ 
gab. Monumental, wie aus Erz gegossen — wie leicht hat 
Meunier diesen Typus, übertragen auf den vierten Stand 
des modernen Industriearbeiters, plastisch behandeln können! —, 
in dem erhabenen Hauch des Dauernden, nur sich selbst lebend, 
auf den knappsten Ausdruck seiner äußeren Formen gebracht 
und darum in der Poesie und dem Idealismus des Alltags: so hat 
er diesen Bauer vor uns gestellt, nur in der Grundnote seiner Be⸗ 
wegung, reliefartig vom Hintergrunde abgehoben, in der einfachen 
Selbstverständlichkeit seines Daseins feierlich, in fast mystischer 
Wirkung. Kam dann gar zu der einfachen Darstellung noch 
ein entsprechendes Stimmungsmoment, wie in dem „Angelus“ von 
1859, so sind Kunstwerke von unvergänglichem Werte entstanden. 
Millet ist ein Meister für sich; die Entwicklung schritt 
weiter fort, der immer mehr anwachsende Wirklichkeitssinn
	        
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