Full text: Tonkunst, Bildende Kunst, Dichtung, Weltanschauung (E,1.1902)

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Bildende Kunst. 
bei Manet ist das teilweis der Fall gewesen, noch mehr trat 
dann die Wandlung bei seinen Nachfolgern, z. B. Degas ein. 
Wir werden auf deutschem Boden in der Entwicklung der 
Malerei wie auch in der Entwicklung der Dichtung dieselbe 
Erscheinung wiederfinden: der psychologische Impressionismus 
schlägt alsbald in den Idealismus der Stimmung um, der sich 
als Symbolismus oder Neuromantik oder wie man sonst die 
betreffenden Erscheinungen genannt hat, offenbart; und bei 
stärkerer Entwicklung festerer Elemente einer ständigen Stim— 
mung, d. h. bei dem leisen Auftauchen konstituierender Motive 
einer Weltanschauung, kann sich dieser primitive Idealismus 
dann zu höher stehenden, klareren Formen entwickeln, welche der 
Ableitung des Wortes Idealismus von Idee entsprechen. Noch 
an verschiedenen Stellen wird auf diese für die Entwicklung 
des modernen Seelenlebens überaus bezeichnenden Umformungen 
zurückzukommen sein. 
Im übrigen versteht es sich, daß Manet nur der Be— 
gründer, nicht der Vollender des psychologischen Impressionis— 
mus der Malerei gewesen ist. Für uns liegt aber kein wesent⸗ 
licher Grund vor, die weitere Entwicklung in Frankreich noch 
genauer zu verfolgen. Nur das sei bemerkt, daß sich für die 
Gegenwart in Frankreich im ganzen und großen drei Richtungen 
der Malerei unterscheiden lassen. 
Eine erste taucht die Erscheinungswelt in eine Art hellen 
Nebels, der den Umriß gänzlich zerflattern und die Dinge wie 
durch eine unendlich weiche und dann noch verwischte Photo— 
graphie hindurch erkennen läßt. Man könnte sie die Malerei 
der Kurzsichtigen nennen. Sie ist zugleich die Malerei der 
delikaten Farbenabstufungen und der Versuche, die Bilder auf 
bestimmte Töne, ein zartes Grau etwa oder Gelb oder 
Rosa, zu stimmen: die Malerei der Farbensymphonie. Vielfach 
schließt sie sih an die Kunst Puvis de Chavannes an, die 
sich, Wandmalerei und ein dekoratives Element der Baukunst 
im höheren Sinne, in sehr hellen, duftigen Farbenharmonien 
ergangen hatte. Im ganzen ist leicht zu ersehen, daß diese 
Kunst, trotz der Verschleierung des Umrisses, doch im Grunde
	        
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