Full text: Tonkunst, Bildende Kunst, Dichtung, Weltanschauung (E,1.1902)

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eben noch auf diesem beruht; es ist eigentlich eine Kunst der 
Zeichnung, die dem modernen, auf Farbeneindrücke gerichteten 
Auge nur die nötigen Zugeständnisse scheinbarer nebelhafter 
Auflösung macht; entwicklungsgeschichtlich steht sie auf dem 
Niveau der Anfänge von Fontainebleau, ist also eigentlich eine 
zurückgebliebene Erscheinung. Denn im Grunde ist hier die 
Schwierigkeit, farbige Lichteindrücke in den feinsten Abschattie— 
rungen wiederzugeben, nicht gelöst, sondern vielmehr — nach 
heutiger Auffassung — umgangen. 
Eine zweite Richtung, die der eigentlich entwicklungs— 
geschichtlichen Kunst, geht darauf aus, die Errungenschaften 
des psychologischen Impressionismus zu bergen und auszubauen. 
Es handelt sich da um zweierlei: darum, reinere, feinere, zarter 
gegeneinander abschattierte Farbeneindrücke in sich aufzunehmen, 
also noch besser sehen zu lernen, und darum, das feiner Ge— 
sehene nun auch im Bilde wiederzugeben und anderen zu ver— 
mitteln. Auf dem ersten Gebiete ist natürlich die intensive, 
rasch aufnehmende und den Augenblickseindruck zäh festhaltende 
Beobachtung das wichtigste Geschäft und zunächst das einzige 
Mittel, um weiter zu gelangen; in unendlich verschärftem 
Maße ist es gerade in Frankreich angewandt worden. Aber 
daneben hatte in Deutschland schon Goethe das Studium der 
Optik empfohlen, und in England hatte Ruskin bereits in den 
bierziger Jahren ebenfalls die Wissenschaft als Hilfsmittel der 
Malkunst herangezogen. Das ist denn auch in Frankreich, und 
wiederum hier wohl in besonders hohem Grade, geschehen; 
nach Anleitung der feinsten Erfahrungen und Beobachtungen 
der Optik hat man zu sehen gelernt und namentlich im Reiche 
der Widerscheine wahre Entdeckungen gemacht. Wie aber das Be⸗ 
obachtete farbentechnisch verwenden und wiedergeben? Da zeigte 
sich bald, daß die bloße Mischung der Farben den feinen Ab—⸗ 
stufungen der Farbeneindrücke auch nicht entfernt mehr gerecht 
wurde. Dagegen lag schon die alte Malererfahrung vor, daß sich 
der Eindruck feinster Nuancen durch Nebeneinanderstellung gewisser 
Farbentöne erreichen lasse, wenn man das Bild aus gewisser 
Entfernung betrachtet. Diese Praxis mußte jetzt systematisch 
Lamprecht, Deutsche Geschichte. Erster Ergänzungsband. 8
	        
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