Bildende Kunst.
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zwischen alt und neu. Denn Frankreich ist im Grunde wie
in seinem sozialen Leben so in seiner Kunst konservativ. Daß
innerhalb dieser vermittelnden Strömung die verschiedensten
Mischungen von alt und neu denkbar sind, das giebt heute
der französischen Kunst einen guten Teil ihres Charakters.
Und was für Kombinationen kommen da nicht auch wirklich
vor! Der jüngere Dubufe z. B. malt ganz in den Farben der
modernen Kunst, des stärksten psychologischen Impressionismus,
verbindet aber damit die lineare und umrißfeste Formgebung der
Alten: die Wirkung ist, selbst bei Bildnissen, eine rein dekorative.
Und doch darf man vielleicht die Stärke dieser Versuche, Altes
und Neues zu amalgamieren, nicht unterschätzen: denn wo wäre je
Dauerhaftes anders als aus der Verbindung von Vergangenheit
und Gegenwart, von Bestand und Fortschritt geschaffen worden?
2. In Deutschland liegen die Anfänge der neuen Kunst
nicht so früh wie in England, und ihre Entwicklung geht nicht
so klar und gleichsam systematisch vor sich, wie in Frankreich.
Ist doch Frankreich das Land der folgerichtigsten Geschichte
schon darum, weil diese sich zum großen Teil in Paris, also
unter der Einheit des Ortes, und in einer Großstadt, und das
heißt unter Ziehung auch der äußersten Folgen jeder jeweils
herrschenden Entwicklungsrichtung abspielt.
Wir wissen, wie sich in deutschen Landen hier und dort
unter der zunächst alles beherrschenden oberen Strömung des
Wiederholungskurses schon in den Zeiten des Klassizismus und
der Romantik stille, der Wirklichkeit zugewandte Unterströmungen
bildeten: dahin gehört die Vedutenmalerei schon seit Beginn des
19. Jahrhunderts, die Militärmalerei nach 18183, die Malerei der
Jagdstücke, die Bildniskunst u. a. m. Und diese dünnen realistischen,
farbenfroheren Unterströmungen schwollen immer mehr an, ihre
Tendenz begann in der Schadowschen Schule (1826f.) schon
die obere Strömung zu treffen, und in dem Fortgang dieser
Schule, in der Person des leider so früh vollendeten Rethel,
im Laufe der vierziger Jahre trat gradezu eine Vermischung ein.
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