Full text: Tonkunst, Bildende Kunst, Dichtung, Weltanschauung (E,1.1902)

Bildende Kunst. 
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Manets Kunst wurde seit 1875, zuerst durch Hermans „Morgen— 
dämmerung“, in den Werkstätten von Brüssel und Antwerpen 
heimisch. Daneben fehlten freilich die Ausläufer jenes ein— 
heimischen Historismus, der die binnendeutsche Malerei der 
vierziger und fünfziger Jahre so stark beeinflußt hatte, auch in 
den siebziger Jahren noch nicht; neben die deutschen Maler des 
historischen Sittenbildes, neben die Diez, Claus Meyer, Friedr. 
Aug. Kaulbach stellt sich in Belgien de Braekeleer. Heutzutage 
aber, darf man sagen, malen die Vlamen technisch fast ganz 
in der Weise der modernen Franzosen, nur daß sie diese Technik 
in germanischem Geiste und speziell wieder im Geiste ihres 
Stammes handhaben. Die Formen werden da schärfer und 
roher, aber auch charakteristischer als bei den Franzosen; die 
Farben fallen mehr ins Graue und Braune; es ist der Unter— 
schied des durchsichtigen Meerwassers füdlich der Höhe von 
Boulogne und der dumpfen, gelblichen See von Dünkirchen und 
Ostende. Zugleich tritt die Note des allgemeinen Stils zurück, 
während sich die Persönlichkeit hervordrängt. Die Zahl der 
Erperimentatoren ist weit größer als in Frankreich; das Züng— 
lein an der Wage des technisch für möglich Gehaltenen schwingt 
weiter aus. Dazu wird der Inhalt weit mehr betont; alle 
UÜbergänge von einem primitiven Idealismus der Stimmung 
bis zum ausgesprochen Symbolischen sind vertreten und ge⸗ 
winnen Einfluß auf die malerischen Eigenschaften des Bildes. 
Es ist die Kunst eines sehr lebenssicheren Stammes von 
starker Ausgesprochenheit der Empfindung, die Kunst der Nach— 
fahren nicht bloß von Rubens, sondern auch von Jordaens; 
im inneren Deutschland spricht sie weniger unmittelbar an 
und hat sie darum auch weniger Einfluß erlangt als die ihr 
doch vielfach verwandte Kunst der Holländer. Denn diese ist 
nicht so radikal; sie zeigt weniger Lust zum Experimentieren 
und mehr Anschluß noch an die großen Alten; dazu ist sie um 
eine Schattierung feiner, bürgerlicher. 
Wenn aber die holländische Kunst für den Fortschritt der 
deutschen Malerei zur Lichtkunst von ganz besonderer Be— 
deutung ward, so spielt hier fast ebenbürtig neben der Technik
	        
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