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Bildende Kunst.
seiner Maler der besondere Charakter des Landes selbst eine
Rolle. Denn wo anders als in Holland sollte der deutsche
Maler die feinsten Probleme dieser neuen Lichtkunst erfassen
lernen? Etwa an den deutschen Küsten der Ostsee, die doch
nur in geringem Grade die atmosphärisch so mannigfaltigen
Erscheinungen des Westens bieten? Oder an den Schlick—
gestaden der deutschen Nordsee mit ihren noch so kalten, frostigen
Tönen? Erst da, wo das Meer unter den erwärmenden Ein⸗—
fluß letzter Ausläufer des Golfstroms gerät, wo laue Meeres—
nächte bei kalter Temperatur des Landes hinter den Dünen
einen ständigen Austausch wechselndster Bewölkungen und Be—
lichtungen veranlassen, in diesem holländischen Binnenflachland
zudem mit seinen kanaldurchzogenen, wassergesättigten Ebenen
mit ihren tausend Dunsterscheinungen der sich erhebenden und
scheidenden Sonne, erst in dieser ganzen Landesschöpfung mit
dem ewig wiederholten Gegensatz der Reflexe stillen Wassers
und brausender Meeresflut konnten die Anfänge einer vollendeten
deutschen Lichtkunst gleichsam selbstverständlich erwachsen.
Und der deutschen war natürlich die holländische Malerei
selbst vorangegangen. Zwar hatte sie längst die großen Über⸗
lieferungen der Pieter de Hooch oder Jan Vermeer van Delft
verloren, die schon einmal so vernehmlich an die Pforten einer
freien Lichtkunst geklopft hatten. In der Übersättigung der
kaufmännischen Kultur um 1700, in der Gelecktheit eines
Adriaen van der Werff war die holländische Malerei der großen
Zeiten versiegt, und später hatte sie sich ohne besondere Eigenheiten
dem Abfolgeschema von Rokoko, Klassizismus, Romantik ein—
geordnet. Nur daß Jongkind, 1819 zu Latrop geboren, später
in Paris, die vué ajustée, die Kulissenlandschaft der Fran—
zosen schon ins Duftige zog, so daß man ihn mit Corot ver—
gleichen konnte: eine leise Erinnerung an die flüchtigen Wechsel
des malerischen Gesamttons der Heimat. In dieser selbst aber
ging man erst seit den fünfziger Jahren etwas weiter: Meister
wie Mesdag und de Haas traten auf, und ohne viel Aufsehens
wurde zwar nicht die anfangs oft so schreiende Lichtkunst der
Franzosen und der däftig lastende Luftton der Vlamen, wohl