Full text: Tonkunst, Bildende Kunst, Dichtung, Weltanschauung (E,1.1902)

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Bildende Kunst. 
seiner Maler der besondere Charakter des Landes selbst eine 
Rolle. Denn wo anders als in Holland sollte der deutsche 
Maler die feinsten Probleme dieser neuen Lichtkunst erfassen 
lernen? Etwa an den deutschen Küsten der Ostsee, die doch 
nur in geringem Grade die atmosphärisch so mannigfaltigen 
Erscheinungen des Westens bieten? Oder an den Schlick— 
gestaden der deutschen Nordsee mit ihren noch so kalten, frostigen 
Tönen? Erst da, wo das Meer unter den erwärmenden Ein⸗— 
fluß letzter Ausläufer des Golfstroms gerät, wo laue Meeres— 
nächte bei kalter Temperatur des Landes hinter den Dünen 
einen ständigen Austausch wechselndster Bewölkungen und Be— 
lichtungen veranlassen, in diesem holländischen Binnenflachland 
zudem mit seinen kanaldurchzogenen, wassergesättigten Ebenen 
mit ihren tausend Dunsterscheinungen der sich erhebenden und 
scheidenden Sonne, erst in dieser ganzen Landesschöpfung mit 
dem ewig wiederholten Gegensatz der Reflexe stillen Wassers 
und brausender Meeresflut konnten die Anfänge einer vollendeten 
deutschen Lichtkunst gleichsam selbstverständlich erwachsen. 
Und der deutschen war natürlich die holländische Malerei 
selbst vorangegangen. Zwar hatte sie längst die großen Über⸗ 
lieferungen der Pieter de Hooch oder Jan Vermeer van Delft 
verloren, die schon einmal so vernehmlich an die Pforten einer 
freien Lichtkunst geklopft hatten. In der Übersättigung der 
kaufmännischen Kultur um 1700, in der Gelecktheit eines 
Adriaen van der Werff war die holländische Malerei der großen 
Zeiten versiegt, und später hatte sie sich ohne besondere Eigenheiten 
dem Abfolgeschema von Rokoko, Klassizismus, Romantik ein— 
geordnet. Nur daß Jongkind, 1819 zu Latrop geboren, später 
in Paris, die vué ajustée, die Kulissenlandschaft der Fran— 
zosen schon ins Duftige zog, so daß man ihn mit Corot ver— 
gleichen konnte: eine leise Erinnerung an die flüchtigen Wechsel 
des malerischen Gesamttons der Heimat. In dieser selbst aber 
ging man erst seit den fünfziger Jahren etwas weiter: Meister 
wie Mesdag und de Haas traten auf, und ohne viel Aufsehens 
wurde zwar nicht die anfangs oft so schreiende Lichtkunst der 
Franzosen und der däftig lastende Luftton der Vlamen, wohl
	        
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