Full text: Tonkunst, Bildende Kunst, Dichtung, Weltanschauung (E,1.1902)

Bildende Kunst. 
—E 
monien, am einfachsten etwa in einer Anlage pyramidalen 
Aufbaus nach oben oder nach unten oder in energischem Drängen 
nach rechts oder links oder auch in einer Seitenverschie— 
bung der pyramidalen Anordnung nach einer der beiden Rich— 
tungen. Gewiß wurde dabei auch auf die Verteilung der 
Farbenelemente und damit auch des Lichtes Rücksicht ge— 
nommen; aber doch stand dies Problem an zweiter Stelle, be— 
herrschte nicht das Ganze der Komposition. Erst innerhalb des 
zeichnerisch gegebenen Gerüsts, das zumeist auch vor aller Farbe 
der Leinwand des künftigen Bildes genau einverleibt wurde, 
galt es dann Farbe und Licht zur Geltung zu bringen. Und 
dabei erschienen diese beiden Elemente im Grunde noch getrennt. 
Das Licht gab die Höhen und Tiefen, die Farbe den Lokalton. 
Das Licht galt also noch nicht als das allgemeine Fluidum, 
in dem jeder Gegenstand gleichsam schwimmt, sondern als Ele— 
ment einer mehr oder minder hellen, zu den Gegenständen erst 
hinzutretenden Beleuchtung. Darum wirkte es entweder ins 
Helle oder ins Dunkle: belichtete Stellen wurden ins Weißliche 
oder Gelbliche gezogen, die Schatten erschienen schwarz. Nun 
hatte man freilich längst bemerkt, daß mit einer solchen Be— 
handlung des Lichtes der Wirklichkeit nicht Genüge geschehe: 
die Bilder erschienen zu kalt, zumal sie, zur Ausschließung der 
wechselnden Beleuchtungen eines vollen Sonnentags, in nach 
Norden gelegenen Werkstätten gemalt wurden. Es war also 
dafür zu sorgen, daß die Bilder trotz der gewählten Licht— 
behandlung einen warmen Eindruck machten. Hierfür setzte man 
denn jeder Farbe je nach Bedarf ein gewisses Maß von warmen 
gelblichen, bräunlichen, rötlichen Tönen zu, so daß dann die 
Schatten z. B. ins Braune oder auch Rote fallen konnten; durch 
diesen Ton glaubte man dem Bilde das Leben des Lichts ein— 
zuverleiben. Natürlich war auf diese Weise das gesamte Wesen 
der Wirklichkeit im Bilde von Grund aus verändert: denn da 
wir alle Dinge im Lichte sehen, so entfernte jede schiefe Be— 
handlung gerade des Lichtes alles andere unaufhaltsam von dieser 
gesehenen Wirklichkeit. 
In diesem Zusammenhang wird klar, daß eine weitere 
Lamprecht, Deutsche Geschichte. Erster Ergänzungsband. 9.
	        
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