Full text: Tonkunst, Bildende Kunst, Dichtung, Weltanschauung (E,1.1902)

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über die Berge hingelagert ist, ein ungeheurer, vergeblich ringen— 
der Riese. 
1882 und 1883, für die deutsche naturalistische Kunst die 
Zeiten des Übergangs zur unmittelbarsten Wiedergabe von 
Licht-Farbeneindrücken, waren auch Böcklins größte Jahre. Aber 
auch diese Blüte hatte nur Augenblicke vollster Schönheit; 
schon meldeten sich Zeichen des Verfalls. Der Meister stand 
hereits an der Schwelle des Greisenalters, das Gedanken und 
Gewohnheiten zugewandt ist: lag es nicht nahe, daß aus der 
Stilisierung Manier und aus der Stimmung Allegorie ward? 
Was sich schon früher ankündigte, hat deutlich eine fünfte 
Periode des Meisters seit 1887 etwa zur Reife gebracht. Dies 
Jahr zeitigte das Bild „Vita somnium breve“, mit seinem 
Inhalt selbst ein Eingangsdenkmal in die frostigen Hallen des 
Alters: eine Darstellung der vier Menschenalter, noch in der 
Höhe meisterhafter Form- und Farbengebung, aber gedanklich 
komponiert: eine Radierung wäre dem Stoffe ebenso gerecht 
geworden. Und bald schwindet in der Behandlung von In— 
halten, die sich bis zum platt Allegorischen verlieren — im 
Jahr 1891 malte der Meister eine Freiheit mit Palme, Adler und 
phrygischer Mütze — auch die Fülle und Kraft anschaulicher 
Bewältigung. Der Pinsel zerfließt und giebt die Plastik der 
Formen nicht mehr wieder, der Umriß wird grob zeichnerisch, 
das Formengedächtnis nimmt ab, die Raumbewältigung im 
alten Sinne schwindet. Die Einheit der Konzeption der 
großen achtziger Jahre verliert sich; der Meister beginnt zu 
schwanken zwischen schroffer Stilisierung und dem früheren 
Naturalismus der sechziger Jahre. Es sind Zeiten, in denen 
sich Böcklin nicht wohl fühlte; 1890 trat ein Schlaganfall ein. 
Aber noch war seiner Kraftgestalt mehr als ein Jahrzehnt ver— 
gönnt, und die Luft Italiens und des geliebten Florenz, wohin 
er 1892 wieder übersiedelte, zeitigten noch den Aufschwung 
einer reichen Nachblüte. Sogar neue Anschauungskreise und 
Gegenstände zu bewältigen gelang noch, und den Kopf schließ— 
lich voll von noch unausgeführten Ideen hat der Meister die 
Erde verlassen.
	        
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