Full text: Tonkunst, Bildende Kunst, Dichtung, Weltanschauung (E,1.1902)

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Bildende Kunst. 
Böcklins allgemeine Bedeutung liegt darin, daß er den Weg 
gefunden hat, die moderne Farbenwelt so zu intensivieren, daß sie 
der idealistisch gesteigerten Wiedergabe der Form in ebenbürtiger 
Harmonie zur Seite trat, — und daß ihm gelungen ist, in 
dem Zusammenwirken von Form und Farbe auch den Raum 
so zu meistern, daß das Raumgefühl intensiviert erscheint. Halt 
dagegen machte seine Idealisierung noch vor den modernen spezi⸗ 
fischen Lichterscheinungen. Nicht als ob er nicht auch Lichteffekte 
beherrscht hätte. Aber es sind solche begrenzter Art: die 
zarten, dunstigen, unendlich abschattierten Widerscheine liegen 
nicht im Bereiche seiner Kunst, sie sind mit dieser unverträglich: 
nur die allgemeine Helligkeit, die Helligkeit einer frühlings— 
feuchten Atmosphäre hat er idealistisch verkörpert. Damit 
hängt die stoffliche Begrenzung seines Anschauungskreises zu— 
sammen. Nordischer Phantastik keineswegs abhold, ist Böcklin 
doch wesentlich der Idealisierung der italienischen Natur, genauer 
noch der Natur der italienischen Westküste treu geblieben. 
Damit fiel denn die ganze Poesie des cisalpinen Lichtes hin— 
weg. Und auch innerhalb der gegebenen Grenzen sind es vor 
allem die weihevollen, die Feststimmungen der Natur und ihrer 
Lebewesen, denen der Meister auf der Höhe seiner Kunst nach— 
geht; selten nur hat er den trüberen Stimmungsgehalt des 
Herbstes, nicht zu häufig den heißwehenden Odem des Sommers 
gemalt: dem Lenz vor allem lebt er und in der heißen Zeit 
der Poesie des südlichen Meeres. 
Der Gefühlsleiter nach aber bewegt sich Böcklin durch fast 
alle Reiche, die sich der Mitempfindung des Alls erschließen: 
neben dem Sinnigen wird das Ernste und Wehmütige veranschau— 
licht, neben dem Einfachen das Gemessene und Würdige; neben 
Ausgelassenheit und Scherz und heimlichem Humor steht Sehn⸗ 
sucht und Trauer und trostlose Schwermut; und Lieblichkeit 
und Erhabenheit sind oft, Schauer und Schrecken doch nicht 
selten wiederkehrende Gefühle. Begrenzt noch im Gegenstand 
der Darstellung, weil gebunden noch an eine gewisse Wiedergabe 
des Lichtes, ist Böcklins Kunst schier unendlich in der wandeln— 
den Belebung der Natur durch Gefühle: das Herz des
	        
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