Full text: Tonkunst, Bildende Kunst, Dichtung, Weltanschauung (E,1.1902)

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Bildende Kunst. 
Konnte nun diese ganze Entwicklung ohne Einfluß auf die 
Baukunst bleiben? Gewiß haben Kunstgewerbe und Baukunst 
niemals so wenig durchaus notwendige innere Beziehungen ge— 
habt, wie in einer Zeit, da große Teile der Nation in häufig 
gewechselten Wohnräumen zur Miete wohnen: dennoch ist dieser 
Einfluß beträchtlich gewesen und noch im Wachsen. 
Es besteht darüber Einverständnis, daß bisher weder die 
vielfach neuen Raumbedürfnisse unserer Zeit noch die neuen 
Materialien, Eisen, Glas, in bisher unbekannter Weise zum 
Wand- und Deckenbau verwandter Gips, bisher unzugängliche 
Werksteine, dazu geführt haben, uns einen Baustil zu ver— 
schaffen. Soll besonders stark „repräsentiert“ werden, so bauen 
wir auch heute noch gern archaisch; da herrscht noch der in Malerei 
und Bildnerei überwundene Historismus. Aber dieser Histo— 
rismus sitzt auch unserer Architektur des einfachen Baues noch 
tief im Blute. Unsere Mietshaus- und Villenfassaden sind die 
abgewandelten Palastfassaden der Renaissance und ihrer Folge— 
stile, und nach deren Fensteranlage richten sich die Innen— 
räume; unser Bürgertum, geistig aus der fürstlich-adligen 
Fremdkultur des 17. und 18. Jahrhunderts seit etwa 1750 
erlöst, steckt doch architektonisch noch in deren Gehäuse: will 
ein Kommerzienrat besonders gut wohnen, so wohnt er 
„fürstlich“. 
Wer will sich wundern, daß unter all diesem Mißgeschick 
das Schlimmste eingetreten ist? Wir haben durchschnittlich 
keinen Sinn mehr für das, was architektonisch schön ist. Wir 
glauben nicht mehr an den einfachen Reiz rhythmischer Linien 
und eines Wechsels von Licht und Schatten, der von belichteten 
und beschatteten Bauteilen her harmonisch atmet. Wir stehen 
—DDDDVVDD 
Werke nicht mehr. 
So ist das Erste und Wichtigste, was wiedererworben werden 
muß, der Sinn für den Rhythmus der Struktur und das 
Ebenmaß der Linien, in denen diese sich kundthut. Wird uns 
hierzu das neue Kunstgewerbe, insbesondere der Gerüststil des
	        
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