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Bildende Kunst.
Konnte nun diese ganze Entwicklung ohne Einfluß auf die
Baukunst bleiben? Gewiß haben Kunstgewerbe und Baukunst
niemals so wenig durchaus notwendige innere Beziehungen ge—
habt, wie in einer Zeit, da große Teile der Nation in häufig
gewechselten Wohnräumen zur Miete wohnen: dennoch ist dieser
Einfluß beträchtlich gewesen und noch im Wachsen.
Es besteht darüber Einverständnis, daß bisher weder die
vielfach neuen Raumbedürfnisse unserer Zeit noch die neuen
Materialien, Eisen, Glas, in bisher unbekannter Weise zum
Wand- und Deckenbau verwandter Gips, bisher unzugängliche
Werksteine, dazu geführt haben, uns einen Baustil zu ver—
schaffen. Soll besonders stark „repräsentiert“ werden, so bauen
wir auch heute noch gern archaisch; da herrscht noch der in Malerei
und Bildnerei überwundene Historismus. Aber dieser Histo—
rismus sitzt auch unserer Architektur des einfachen Baues noch
tief im Blute. Unsere Mietshaus- und Villenfassaden sind die
abgewandelten Palastfassaden der Renaissance und ihrer Folge—
stile, und nach deren Fensteranlage richten sich die Innen—
räume; unser Bürgertum, geistig aus der fürstlich-adligen
Fremdkultur des 17. und 18. Jahrhunderts seit etwa 1750
erlöst, steckt doch architektonisch noch in deren Gehäuse: will
ein Kommerzienrat besonders gut wohnen, so wohnt er
„fürstlich“.
Wer will sich wundern, daß unter all diesem Mißgeschick
das Schlimmste eingetreten ist? Wir haben durchschnittlich
keinen Sinn mehr für das, was architektonisch schön ist. Wir
glauben nicht mehr an den einfachen Reiz rhythmischer Linien
und eines Wechsels von Licht und Schatten, der von belichteten
und beschatteten Bauteilen her harmonisch atmet. Wir stehen
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Werke nicht mehr.
So ist das Erste und Wichtigste, was wiedererworben werden
muß, der Sinn für den Rhythmus der Struktur und das
Ebenmaß der Linien, in denen diese sich kundthut. Wird uns
hierzu das neue Kunstgewerbe, insbesondere der Gerüststil des