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Bildende Kunst.
daß dieser Stil naturgemäß zuerst in England entstand: hier
führten die Versuche Ruskins schon in den vierziger Jahren,
die Kunst demokratisch in den Dienst des Lebens zu stellen für
jedermann, zu dem Bestreben der Prärafaeliten, ihren Im—
pressionismus kunstgewerblich durchzubilden: und so schuf vor—
nehmlich William Morris, der aus der Schule von Rossetti
und Burne⸗Jones hervorging, den sogenannten neuenglischen Stil,
indem er den Anforderungen der Meister zunächst die Weberei
und die Glasmalerei dienstbar machte und zugleich altnationalen
gotischen sowie fremden japanischen Einflüssen Zutritt verstattete.
Mit dieser zunächst vornehmlich ornamentalen Bewegung
verknüpfte sich dann eine andere, konstruktive, an der nicht zum
geringsten auch Amerika beteiligt war. Sie ging darauf aus,
an Stelle eines Mobiliars, das noch immer von dem letzten
auslaufenden Formgefühl der Renaissance, also eines Wand⸗
stils, bestimmt war, ein anderes Mobiliar zu setzen, zu dem
das Formenmotiv vom Werkzeug hergenommen wurde: keine
andere Schönheit als die der Zweckmäßigkeit und darum keine
architektonisch-dekorativen Formen, sondern nur die Masse
dessen, was nach mechanischen Gesetzen notwendig war: diese
Masse aber unter dem Schönheitsgefühl der Zweckmäßigkeit
organisch gestaltet. Es war, als würde jedes Möbelstück zum
Werkzeug, ja zur Maschine: dünn aufgebaute, straffe, profillose
Formen, die sich nur bei tadelloser Arbeit herstellen lassen;
Eleganz des Schlanken, Einfachen, in klarem Rhythmus Auf—
strebenden und Schwingenden: Gerüststil.
Auch auf welchem Wege sich die neue Ornamentik und
der neue Gerüststil des Mobiliars untereinander verbanden, ist
schon angedeutet worden. Die Ornamentik diente entweder
als Raumfüllung: dann blieb sie meist ungestört; oder aber
sie ward zur Umrahmung verwandt: dann bedurfte man
symmetrischer Reihen. Diese Reihen wurden aus der Orna—
mentik dadurch gewonnen, daß man einzelne ihrer Teile, zu—
meist die langgestreckten Blätter im Sinne des Lilienblattes,
von ihr ausschied, für sich in rhythmischen Harmonien und
Kontrasten anordnete und bei dieser Gelegenheit dann mehr zu