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Dichtung.
gekehrter Reihenfolge also wie bei der Behandlung der bilden⸗
den Kunst — das Werden im einzelnen zu betrachten sein.
Und wie in der Kunst die Malerei, so soll uns in der
Dichtung die Lyrik führen. Denn die Lyrik bildet die Ur—
erscheinung aller Poesie; und wie sich zeigen wird, bleibt sie
dieser besonderen Stellung auch in unserer Periode treu: denn
mehr als irgend eine andere poetische Gattung, wenn auch der
Hffentlichkeit vielleicht weniger bekannt, hat sie fast alle
Wendungen der neuesten Geschichte der Dichtung zuerst oder
wenigstens zuerst wirksam eingeleitet.
Ehe aber an einzelnen Dichtern, den führenden Meistern
und Gruppen der Lyrik, eine genaue Analyse der modernen
Lyrik versucht wird, bedarf es der Lösung einer Vorfrage. Es
muß, als Voraussetzung alles Folgenden, gezeigt werden, daß
in dieser Lyrik die dichterischen Eindrücke von einer früher nie
erreichten Intensität sind: daß sich in ihr in der That ein
neuer und gegenüber jedem Stadium der nationalen Vergangen⸗
heit gesteigerter Wirklichkeitssinn offenbart.
Nun würde dieser Beweis für das Ganze der modernen
Lyrik natürlich erst dann ganz gegeben sein, wenn er in genauer
Vergleichung dieses Ganzen mit dem lyrischen Ganzen früherer
Perioden durchgeführt wäre. Man sieht aber alsbald, daß ein
solcher Beweis an sich und namentlich im Zusammenhang
unserer Betrachtungen kaum möglich ist. Doch wird man zu—⸗
gleich auch zugeben, daß es genügen muß, an einem typisch
gewählten Beispiel den Unterschied der Intensität lyrischer und
dichterischer Eindrücke überhaupt im 17., 18. und 19. Jahr⸗
hundert — und das heißt für das 19. Jahrhundert in der
modernen Periode — zu zeigen. Ich stelle zu diesem Zwecke im
folgenden drei verschiedene Abendlieder aus den drei Jahr—
hunderten nebeneinander: von Paul Gerhardt, von Matthias
Claudius, von Otto Julius Bierbaum.
Paul Gerhardt (vor 1666):
Nun ruhen alle Wälder,
Vieh, Menschen, Stadt und Felder,
Es schläft die ganze Welt: