Full text: Tonkunst, Bildende Kunst, Dichtung, Weltanschauung (E,1.1902)

Dichtung. 
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gewidmet könnte höchstens die letzte Zeile der zweiten Strophe 
angesprochen werden. 
Wir haben also für den modernen Dichter vor allem die 
Kürze. Die Kürze aber bedeutet Konzentration. Wie durch— 
brochen von Empfindungsäußerungen ist bei Paul Gerhardt die 
Situationsschilderung, wie von ihr eingeschlossen auch noch 
bei Claudius! Bei Bierbaum fallen Situation und Stimmung 
so gut wie zusammen. 
Damit ergiebt sich zugleich ein weiterer Unterschied. Die 
älteren Meister geben die Empfindung direkt wieder: ja diese 
direkte Wiedergabe beherrscht ihre Dichtung. Der moderne 
Dichter verlegt die Empfindung derart in die Schilderung des 
Sinnfälligen, daß der genießende Hörer mit regstem innerem 
Anteil seiner Phantasie veranlaßt ist, sie aus dieser selbstthätig 
auszulösen: durch die indirekte Behandlung der Stimmung wird 
er in ein Spannungsgefühl versetzt, dessen Lösung ihn zwingt, 
die in Frage stehende Stimmung subjektiv von sich aus zu er— 
zeugen. Es ist das einer der wichtigsten Unterschiede der sub— 
jektivistischen Dichtung von der früheren Poesie. Nicht als ob 
Spannungsgefühle nicht auch früher schon erregt worden wären. 
Aber die ständige Absicht des Dichters, sie durch den Hörer 
lösen zu lassen und so dessen aktiv eingreifende Phantasie— 
thätigkeit zu erzeugen, wird in dieser Ausdehnung doch erst eine 
Eigenheit der Dichtung seit frühestens der Mitte des 18. Jahr— 
hunderts. Doch nicht dies Moment haben wir hier ins Auge 
zu fassen, sondern vielmehr die Zunahme der mehr äußerlichen 
Fähigkeit, Dinge und Gefühle wiederzugeben, und das hinter 
ihr stehende Walten und Wachsen des Wirklichkeitssinnes. 
Da kommt denn für die Wiedergabe der Gefühle vor 
allem die Behandlung des Rhythmus in Frage. Man recitiere 
die drei Gedichte laut, man vergleiche im besonderen noch die 
letzte, müd schleppende Zeile der Strophen Bierbaums mit den 
entsprechenden Zeilen bei Claudius und Paul Gerhardt: und 
man wird nicht zweifelhaft sein über die Fortschritte“ welche 
die musikalisch-⸗rhythmische Wiedergabe der Stimmung bei Bier— 
haum aufweist — obgleich gerade in dieser Hinsicht auch die 
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