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Dichtung.
Absicht kommt eine ausgesprochene Anlage entgegen. KCilien—
rron ist in der Behandlung unserer Sprache unglaublich
gewandt, reimsicher und rhythmusfest: es liegt in seinen
Worten etwas von der ruhigen Hand und dem scharfen Auge
des junkerlichen Landwirts, der straff im Bügel durch sein
Eigentum trabt und schaut, wie die Felder blühen. Dabei
hat diese Sprache trotz aller Wucht und Geradheit etwas Musi—
kalisches: freilich das Musikalische des Trompetenschalls, den
Ton alter Kriegsmusik und die rhythmische Hurtigkeit eines
Bach oder Händel. Und wie ist nun diese Sprache gemodelt!
Nichts mehr von den konventionellen Dichtertönen der Epigonen
red fünfziger bis sechziger Jahre, von ihrem Auszahlen aus
einem traditionellen Wortschatz, von ihrem fein ciselierenden
Sprachhandwerk. Groß tritt das Wort daher und urwüchsig
stark: kühne Anakoluthe, Annäherung an das gesprochene Deutsch
und dessen unvergleichliche Frische und Unmittelbarkeit, Ge—
dankenschattierungen durch Heranziehung unverbrauchter Sprach⸗
juwele des Alltags, rasches, kavaliermäßiges Vordringen zum
gesuchten Ausdruck, unmittelbar selbstsichere Unbesorgtheit, alle
instinktiv ergriffenen Ziele zu erreichen: „Flatterndes Ge—
plauder“: und das alles bald in freien Rhythmen unter
starker Bindung des Wortmetrums an den Sinn, bald —
und mit Vorliebe — in geschlossener Form unter meisterlicher,
ja halsbrecherischer Handhabung des Reimes.
Mußte Liliencron so nicht der Meister eines physiologischen
Impressionismus werden, einer Lyrik, die sich wesentlich den
äußeren Eindrücken zuwandte?
Und wie begünstigte der Krieg, der erste, größte, er—
habenste Gegenstand seines Lebens und seiner Dichtung,
diese Art:
Platz da, und Ziethen aus dem Busch!
Mit Hurrah drauf in Flusch und Husch!
Und vorgebeugten Leibes rasen
In einem Strich von Pferdenasen
Wir zwei weit voran den Husaren:
So sind wir in den Feind gefahren.