Dichtung.
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wegen sich genau wie die bisherigen Impressionen des Dichters
in Vorgangs⸗, Handlungs-, Bewegungseindrücken: Liliencron
kennt keine Naturzustände.
Gleichviel weshalb, ich bins, ich bin verbannt
Auf diese kleine, deichumrahmte Insel.
Weit liegt mein walddurchrauschtes Vaterland.
Hier schleicht und kriecht das Wattenmeergerinsel
Durch Schlick und Schlamm, ein schmutzig gelbes Band.
Poltert der Sturm nicht, nörgelt Windgewinsel.
Ich seh die Sonne morgens Wasser trinken
Und abends wieder in die Wogen sinken.
Es ist der tiefe Sinn für das Handlungsmäßige in den
Dingen, der Sinn, der sieht, wie „der Morgen die Nacht
schweigend in seine Lungen saugt“, wie „Hammerschlag und
Kolbenstöße der Welt ihr hartes Pflichtgeräusch verkünden“:
es ist der Sinn, der urzeitlichen Kulturen eignet, der sie das
Epos zur großen Kunstform entwickeln läßt, der ihnen die
Tierornamentik, die Ornamentik des Lebendigen am ehesten
nahelegt. Es ist die seelische Haltung, die auf das Belebte,
das Äußere geht, der die Dramen und die feineren Stöße und
Ströme des Inneren noch unerschlossen sind.
In der That fehlen diese Stöße und Störungen auch bei
Liliencron. Seelisch kennt er nur Vollgefühle, ungebrochene
Farben:
Aufjauchzend, sterngestreift, in Hochgedanken,
Jäh nieder, erdgeschleift, in Dorn und Ranken,
Verfolgt, zerhackt von giergequälten Raben
Bist du, mein aufgewühltes Herz.
So auch, wenn er mildere Empfindungen zu schildern hat,
wie in den Parallelstrophen der beiden Gedichte „Abschied vom
Vaterland“ und „Heimkehr“.
1. Es wogt mein Schiff, es sinkt und hebt,
Ein Sturmlied singen die Matrosen.
Es wogt mein Herz, es singt und bebt,
Es schlägt der Sturm den Heimatlosen;
und: