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Nichtung.
2. Es schreit mein Herz, es jauchzt und bebt
Der alten Heimat heiß entgegen;
Und was als Kind ich je durchlebt,
Klingt wieder mir auf allen Wegen.
So bleibt der Dichter auch bei lyrischer Empfindungs—
grundlage gleichsam balladenmäßig, da er immer in aus—
gesprochenem Sinne erzählt: statt Zustände Handlung, Hand—
lung, Handlung. Ergeben sich trotzdem gewaltige Stimmungs⸗
wirkungen, so hängt das damit zusammen, daß nur das Auf—
quellen von Urgefühlen geschildert wird: Urgefühle aber sind
Gemeingefühle: um sie wirksam zu machen, bedarf es nur
einer Andeutung im flüchtigsten Eindruck.
All das giebt nun der eigensten und ursprünglichsten Kunst
Liliencrons bestimmte Grenzen. Da er sehen können muß, was
er singt, so ist die Poesie des Seelenlebens nur in Andeutungen
vorhanden, — nirgends Kantilenen der Stimmung und des
Gemüts. Weil er das Seelische nur im Physiologischen er—
greift, sinkt er leicht ins Alltägliche, bisweilen ins Platt—
Prosaische. Und auch da, wo er hiervor bewahrt bleibt, ist er
in seinen lyrischen Gedichten von jenem instinktiv Geistlosen,
rein und bloß Anschaulichen, den Zustand gleichsam unbewußt
Erfassenden, das in jeder Gattung der Phantasiethätigkeit
Kennzeichen des physiologischen Impressionismus ist. Darüber
bei einfacher Wiedergabe von Eindrücken hinwegzugelangen,
giebt es für Lilieneron anscheinend nur ein Mittel: den mög—
lichst glänzenden Gebrauch des Vergleichs. Und darin ist er
Meister:
Der Sturm preßt trotzig an die Fensterscheiben
Die rauhe Stirn; tiefschwarze Wolken treiben,
Wie Fetzen einer Riesentrauerfahne,
Und schnell, wie Bilder ziehn im Fieberwahne.
der, von einem Pechvogel:
Der andre trieb im Schweiße seinen Pflug,
Hoch wie die Wolken sah das Glück er jagen,
Auf jeder Rennbahn blieb zurück sein Wagen,
Statt Weines fand er nur den Wasserkrug. —
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