Dichtung.
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und versteckteste Pulsschläge verlangt man von ihr, und eine
Dolmetscherin soll sie sein des „geheimnisvollen, unsichtbar
rauschenden und anziehenden Untertons“ dichterischer Ver—
ständigung.
Ja, eine Dolmetscherin! Das ist es: All die Mittel dieser
Dichtung, die doch immer wieder auf die Sprache hinauslaufen
oder deren Dunstkreis passieren müssen, sie sind gleichsam doch
nur Schattenspiele eines hinter dem Vorhang, hinter der sinn⸗
lichen Erscheinung des Gedichtes sich abspielenden Ereignisses,
das seinerseits erst das eigentliche Wesen und die Seele des
Gedichtes darstellt. Diese Dichtung ist symbolisch durch und
durch: und daß sie es ist, beweist, trotz aller Wunderlich—
keiten und Modethorheiten im einzelnen, daß sie einen Höhe—
punkt bildet in der Entwicklung der Poesie der modernen
Stimmung. Denn die Stimmung sucht ein gefühlvolles Ideal
hinter den Dingen und wird erst dann Genüge ihrer Sehn⸗
sucht finden, wenn alle äußeren Mittel dichterischer Darstellung
jenem einen Ziele untergeordnet sind, das hindurch durch den
Schleier der Komposition und der Sprache auf einen durch—
sichtigen seelischen Gehalt hinweist.
Das alles zeigt aber auch, daß dieser Idealismus der
osychischen und nervösen Eindrücke seine Vorgeschichte hat. Und
in der That erinnert einzelnes zurück bis an die Dichtung der
Empfindsamkeit.
O Desiderata!
Qäme sie wetterumhüllt dir in den sterbenden Feuern (der Sonne),
Käme sie leise bang vom Schattenhügel gewandelt:
Nieder sänkest du ganz! —
Diese Verse von Ludwig Klages, könnte sie nicht Klopstock
gedichtet haben? Aber das sind verstreute Anklünge. Dagegen
spricht man wohl von dieser neuesten Poesie der Reizsamkeit
als von einer Neuromantik. Sollte damit der Glaube angedeutet
werden, daß sich in der Poesie unserer Tage die alte Romantik
boll wiederhole, so würde die Entstehung des Wortes bei seinem
Bildner einen bedenklichen Mangel geschichtlichen Denkens und
eine schlimme Unkenntnis der litterargeschichtlichen Thatsachen