Full text: Tonkunst, Bildende Kunst, Dichtung, Weltanschauung (E,1.1902)

Dichtung. 
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und versteckteste Pulsschläge verlangt man von ihr, und eine 
Dolmetscherin soll sie sein des „geheimnisvollen, unsichtbar 
rauschenden und anziehenden Untertons“ dichterischer Ver— 
ständigung. 
Ja, eine Dolmetscherin! Das ist es: All die Mittel dieser 
Dichtung, die doch immer wieder auf die Sprache hinauslaufen 
oder deren Dunstkreis passieren müssen, sie sind gleichsam doch 
nur Schattenspiele eines hinter dem Vorhang, hinter der sinn⸗ 
lichen Erscheinung des Gedichtes sich abspielenden Ereignisses, 
das seinerseits erst das eigentliche Wesen und die Seele des 
Gedichtes darstellt. Diese Dichtung ist symbolisch durch und 
durch: und daß sie es ist, beweist, trotz aller Wunderlich— 
keiten und Modethorheiten im einzelnen, daß sie einen Höhe— 
punkt bildet in der Entwicklung der Poesie der modernen 
Stimmung. Denn die Stimmung sucht ein gefühlvolles Ideal 
hinter den Dingen und wird erst dann Genüge ihrer Sehn⸗ 
sucht finden, wenn alle äußeren Mittel dichterischer Darstellung 
jenem einen Ziele untergeordnet sind, das hindurch durch den 
Schleier der Komposition und der Sprache auf einen durch— 
sichtigen seelischen Gehalt hinweist. 
Das alles zeigt aber auch, daß dieser Idealismus der 
osychischen und nervösen Eindrücke seine Vorgeschichte hat. Und 
in der That erinnert einzelnes zurück bis an die Dichtung der 
Empfindsamkeit. 
O Desiderata! 
Qäme sie wetterumhüllt dir in den sterbenden Feuern (der Sonne), 
Käme sie leise bang vom Schattenhügel gewandelt: 
Nieder sänkest du ganz! — 
Diese Verse von Ludwig Klages, könnte sie nicht Klopstock 
gedichtet haben? Aber das sind verstreute Anklünge. Dagegen 
spricht man wohl von dieser neuesten Poesie der Reizsamkeit 
als von einer Neuromantik. Sollte damit der Glaube angedeutet 
werden, daß sich in der Poesie unserer Tage die alte Romantik 
boll wiederhole, so würde die Entstehung des Wortes bei seinem 
Bildner einen bedenklichen Mangel geschichtlichen Denkens und 
eine schlimme Unkenntnis der litterargeschichtlichen Thatsachen
	        
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