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Dichtung.
Von dem hohen ethischen und sozialpolitischen Inhalt
des Gedichtkranzes „Lebe“ wird später noch die Rede sein;
Harts „Lied der Menschheit“ ist ein Versuch, die Gesamtent—
wicklung des Menschen von den Uranfängen der natürlichen
Schöpfung bis zu den tausend und abertausend Ausstrahlungen
seines Wesens in der Gegenwart zu besingen; dieser Absicht
nach erinnert es an die nicht minder grandiosen Versuche der
Cyklen Leconte de Lisles.
Dabei ist in Harts Gedicht der Formcharakter im ganzen
der einer philosophischen Epopös; doch geht die Form leicht
ins Lyrische über, wie denn nach früheren Ausführungen der
Gebrüder Hart (Kritische Waffengänge 6, 11) das Epos je
nach der Natur des Dichters lyrischer oder dramatischer gefärbt
sein kann. Im übrigen ist die Form sorgsam, doch voll
inneren, leidenschaftlichen Feuers und durchglüht vom Pathos
des Redners: langatmende Sätze, flutende Rhythmen, Selbst⸗
begeisterung am eigenen Wort, trunkene Hingerissenheit vom
immanenten Zuge der Dinge. Im Grunde aber ist diese
Poesie doch noch nicht reizsam, sondern eher empfindsam oder
gefühlsam, wenn es erlaubt ist, dieses Wort der Sprache
Nietzsches anzuwenden; sie hat gelegentlich Klopstocksche Züge;
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drücke selbst; und sie zahlt in der Sprache nicht selten noch
mit Münze aus dritter Hand, aus der Hand der klassizistischen
Epigonen.
Viel moderner, ja man könnte sagen an einzelnen Stellen
fast zu modern ist dagegen Avenarius. Er gehört zu denen,
die schon die feinsten Sensationen erhaschen und sie nicht mehr
platt wiedergeben, sondern in die Schilderung verarbeiten; bis
ins tiefst Pathologische hinein sieht er klar, und was er sieht,
teilt er nicht in pathetischer Form mit, sondern in einer
Sprache, die dem Gegenstande knapp ansitzt, wenn sie auch
von reicher Gemütswärme durchtränkt erscheint. Im ganzen
kann man seinen Cyklus wohl ein Psychodrama im Gewand
lyrischer Ergüsse nennen, das in einem Hohen Liede des künst⸗
lerischen Optimismus ausklingt; inhaltlich stellt sich das Ge—