Full text: Tonkunst, Bildende Kunst, Dichtung, Weltanschauung (E,1.1902)

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Dichtung. 
Von dem hohen ethischen und sozialpolitischen Inhalt 
des Gedichtkranzes „Lebe“ wird später noch die Rede sein; 
Harts „Lied der Menschheit“ ist ein Versuch, die Gesamtent— 
wicklung des Menschen von den Uranfängen der natürlichen 
Schöpfung bis zu den tausend und abertausend Ausstrahlungen 
seines Wesens in der Gegenwart zu besingen; dieser Absicht 
nach erinnert es an die nicht minder grandiosen Versuche der 
Cyklen Leconte de Lisles. 
Dabei ist in Harts Gedicht der Formcharakter im ganzen 
der einer philosophischen Epopös; doch geht die Form leicht 
ins Lyrische über, wie denn nach früheren Ausführungen der 
Gebrüder Hart (Kritische Waffengänge 6, 11) das Epos je 
nach der Natur des Dichters lyrischer oder dramatischer gefärbt 
sein kann. Im übrigen ist die Form sorgsam, doch voll 
inneren, leidenschaftlichen Feuers und durchglüht vom Pathos 
des Redners: langatmende Sätze, flutende Rhythmen, Selbst⸗ 
begeisterung am eigenen Wort, trunkene Hingerissenheit vom 
immanenten Zuge der Dinge. Im Grunde aber ist diese 
Poesie doch noch nicht reizsam, sondern eher empfindsam oder 
gefühlsam, wenn es erlaubt ist, dieses Wort der Sprache 
Nietzsches anzuwenden; sie hat gelegentlich Klopstocksche Züge; 
—DDDDD— 
drücke selbst; und sie zahlt in der Sprache nicht selten noch 
mit Münze aus dritter Hand, aus der Hand der klassizistischen 
Epigonen. 
Viel moderner, ja man könnte sagen an einzelnen Stellen 
fast zu modern ist dagegen Avenarius. Er gehört zu denen, 
die schon die feinsten Sensationen erhaschen und sie nicht mehr 
platt wiedergeben, sondern in die Schilderung verarbeiten; bis 
ins tiefst Pathologische hinein sieht er klar, und was er sieht, 
teilt er nicht in pathetischer Form mit, sondern in einer 
Sprache, die dem Gegenstande knapp ansitzt, wenn sie auch 
von reicher Gemütswärme durchtränkt erscheint. Im ganzen 
kann man seinen Cyklus wohl ein Psychodrama im Gewand 
lyrischer Ergüsse nennen, das in einem Hohen Liede des künst⸗ 
lerischen Optimismus ausklingt; inhaltlich stellt sich das Ge—
	        
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