IV.
1. Soll eine kurze Übersicht der modernen Lyrik gegeben
werden, wie sie den besonderen Punkten, die wir in der Dichtung
Liliencrons und des Hofmannsthalschen Kreises kennen gelernt
haben, parallel läuft und sie verbindet, so kommt es keines⸗
wegs darauf an, alle Töne widerhallen zu lassen, die in den
letzten zwei Jahrzehnten im deutschen Dichterwald erklungen
sind. Und auch die schönsten Töne, d. h. die Töne, die der
Verfasser dieses Buches für die schönsten hält, zu Gehör zu
bringen, ist keineswegs die Aufgabe. Nur darauf kommt es
an, den allgemeinen Verlauf der lyrischen Entwicklung zu
kennzeichnen und in seinen wichtigsten Schattierungen durch
Dichter und Dichtungen zu veranschaulichen.
Und da stehen denn entwicklungsgeschichtlich, wenn auch
der bloßen Chronologie nach noch weit in das letzte Jahrzehnt
des Jahrhunderts hinein reichend an erster Stelle Versuche,
die aͤlteren lyrischen Formen neu zu beleben, sie modernen
Stoffen dienstbar zu machen und aus ihnen zugleich eine
idealistische „große lyrische Form“ zu entfalten, eine Form des
lyrischen Cyklus, in dem einzelne Gedichte durch einen gemein⸗
samen Inhalt miteinander verbunden sind. Es sind Versuche
von großem Interesse, zumal in ihrem Verlauf immer mehr der
neue Geist einer impressionistischen Lyrik in die traditionelle
Formgebung einbricht.
An erster Stelle ist diese Entwicklung vertreten durch
Heinrich Harts „Lied der Menschheit“ (1887 ff.) und Avenarius'
Dichtung „Lebe“ (1893).