Full text: Tonkunst, Bildende Kunst, Dichtung, Weltanschauung (E,1.1902)

IV. 
1. Soll eine kurze Übersicht der modernen Lyrik gegeben 
werden, wie sie den besonderen Punkten, die wir in der Dichtung 
Liliencrons und des Hofmannsthalschen Kreises kennen gelernt 
haben, parallel läuft und sie verbindet, so kommt es keines⸗ 
wegs darauf an, alle Töne widerhallen zu lassen, die in den 
letzten zwei Jahrzehnten im deutschen Dichterwald erklungen 
sind. Und auch die schönsten Töne, d. h. die Töne, die der 
Verfasser dieses Buches für die schönsten hält, zu Gehör zu 
bringen, ist keineswegs die Aufgabe. Nur darauf kommt es 
an, den allgemeinen Verlauf der lyrischen Entwicklung zu 
kennzeichnen und in seinen wichtigsten Schattierungen durch 
Dichter und Dichtungen zu veranschaulichen. 
Und da stehen denn entwicklungsgeschichtlich, wenn auch 
der bloßen Chronologie nach noch weit in das letzte Jahrzehnt 
des Jahrhunderts hinein reichend an erster Stelle Versuche, 
die aͤlteren lyrischen Formen neu zu beleben, sie modernen 
Stoffen dienstbar zu machen und aus ihnen zugleich eine 
idealistische „große lyrische Form“ zu entfalten, eine Form des 
lyrischen Cyklus, in dem einzelne Gedichte durch einen gemein⸗ 
samen Inhalt miteinander verbunden sind. Es sind Versuche 
von großem Interesse, zumal in ihrem Verlauf immer mehr der 
neue Geist einer impressionistischen Lyrik in die traditionelle 
Formgebung einbricht. 
An erster Stelle ist diese Entwicklung vertreten durch 
Heinrich Harts „Lied der Menschheit“ (1887 ff.) und Avenarius' 
Dichtung „Lebe“ (1893).
	        
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