Full text: Tonkunst, Bildende Kunst, Dichtung, Weltanschauung (E,1.1902)

Dichtung. 
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endlich reichen und wandlungsvollen Daseinskreis der größeren 
Stadt geschieht zunächst so viel an sich kaum Erwartetes, giebt 
es so viel zur Wirklichkeit werdende Kombinationen unwahr— 
scheinlicher Dinge und Ereignisse, daß schon deren bloße Wieder⸗ 
erzählung oft geeignet erscheinen kann, in hohem Grade zu spannen. 
Das hatte Eugen Sue bereits in Paris erprobt und darauf 
seine fesselnden Romane der vierziger Jahre aufgebaut. Dabei 
ist es denn kaum noch nötig, Darstellungen bloßer Reportage 
der gemeinen Wirklichkeit durch Erhöhung der Lichter der Er— 
zählung zu heben. Das, was geschieht, ist eben an sich wunder— 
bar und eindrucksvoll genug. Es kommt nur darauf an, es 
kurz, schlagend, der Wirklichkeit gemäß, mit Weglassung des 
Unwesentlichen wiederzugeben. So kann hier die sozusagen 
absolute und reine naturalistische Skizze besonders leicht auf— 
kommen: und ihre Entwicklung bedeutete in den achtziger 
Jahren an sich schon einen wesentlichen Fortschritt. 
Sehr häufig aber tritt in der Großstadt zu diesem Element 
noch ein weiteres. Das Erzählte bildet einen Teil jenes ge— 
sellschaftlichen Werdens, dem die meisten Leser angehören. Sie 
lesen daher nicht bloß mit abstrakt-ästhetischem, sondern auch 
mit praktisch⸗sittlichem Anteil. Und das zwingt den Schrift⸗ 
steller, wenn er höher steht, auch in dieser Hinsicht Farbe zu 
hekennen. Er urteilt zugleich. Und da gemäß den wechselnden 
Ereignissen bald diese, bald jene ganz spezielle Seite des 
sittlichen oder gesellschaftlichen Zustandes an das SVicht 
gezogen wird und demgemäß für sich beleuchtet werden muß, so 
urteiltj er nicht aus allgemeinen Prinzipien heraus, die er 
immer wieder hervorholen und ausbreiten müßte, sondern er 
urteilt über den Fall oder die Fälle nur innerhalb ihres 
Horizonts, also einseitig und darum apodiktisch, in der Form 
einer These. Auf diese Weise werden alle wichtigeren Vor— 
gänge des sozialen wie des politischen und schließlich auch des 
aͤsthetischen, ja sogar des wissenschaftlichen Lebens auf Thesen 
zugespitzt, um deren Formeln laut im Für und Wider gekämpft 
wird. Die Folge von alledem ist, daß die Kritik in allen 
hervorragenderen Fällen in die Skizze eingeht, und daß ein
	        
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