Full text: Tonkunst, Bildende Kunst, Dichtung, Weltanschauung (E,1.1902)

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Dichtung. 
gehalten werden. Im einzelnen freilich, im Bereich jeder 
besonderen Skizze sind die Anforderungen eines physiologischen 
Impressionismus weithin und vielfach meisterhaft verwirklicht. 
Die Zustands- und Daseinsschilderung, die durchaus überwiegt, 
ist kräftig, sie strotzt nicht selten von Leben, die Detailmalerei 
ist ebenso emsig als anschaulich: und wenn man in der Technik 
nicht schon den vollendeten Impressionismus zu sehen vermag, 
da vielfach noch alte Elemente stören, so ist doch der Übergang 
zu ihm bewußt und energisch angebahnt. 
Fast gleichzeitig mit Conrads Münchener Roman erschienen 
auch in Berlin 1887 die ersten Keimlinge des neuen Impressio⸗ 
nismus. An erster Stelle ist da wohl Bleibtreus (geb. 1859) 
Roman „Größenwahn“ zu nennen; an zweiter käme etwa 
Wolzogens „Kühle Blonde“ in Betracht. 
In beiden Fällen versuchen die Dichter, genau wie Conrad, 
die neue Auffassungsweise unmittelbar innerhalb der großen 
Kunstform des alten Romans des Nebeneinanders anzuwenden: 
freilich, wie ebenfalls schon Conrad, nicht in der Ausdehnung 
auf das gesamte Zeitbild der Gegenwart, sondern nur auf 
einen größeren Ausschnitt desselben. Und innerhalb dieses 
engeren Bereichs bildet dann wieder Wolzogens Roman das 
eigentliche Gegenstück zu dem Conrads: wie dieser München 
so will er Berlin schildern. Nur daß der Versuch in diesem 
Falle noch weit weniger gelingt. Immer und immer wieder 
zeigt sich's im Verlauf der Darstellung, daß der Stoff für die 
erstrebte impressionistische Technik viel zu umfangreich ist. Da 
aber der Dichter an dieser ins kleine eingehenden Technik trotz⸗ 
dem nach Kräften festhält, so muß er schließlich die Vorführung 
der einzelnen Stoffmassen, statt in die Breite zu erzählen, auf 
die an sich dann genauere Schilderung von bloßen Einzel— 
momenten beschränken: man erkennt daher die Dinge gleichsam 
nur auf einen Husch, wie eine Landschaft, auf die uns ein 
zwischen Tunneln durchsausender Eilzug von Zeit zu Zeit einen 
flüchtigen Ausblick gestattet: und so wird man überanstrengt 
und enttäuscht zugleich, und das Endergebnis ist Unfriede und 
Unlust. Etwas anders greift Bleibtreu das Problem an.
	        
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