Full text: Tonkunst, Bildende Kunst, Dichtung, Weltanschauung (E,1.1902)

Dichtung. 
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Nicht lokal und räumlich, sondern psychologisch und moralisch 
grenzt er den Abschnitt des Zeitbildes ein, dessen Charakter 
sein Roman erhellen soll: die verschiedenen Arten des Größen— 
wahns sollen zur Darstellung gelangen. Gewiß ein Vorwurf, 
der an sich große Aussichten eröffnet; hatte nicht Sebastian 
Brant das Thema vor Jahrhunderten in noch viel größerer 
Ausdehnung mit außerordentlichem Erfolge behandelt, — wenn 
auch freilich satirisch und im Anschluß an alte Traditionen 
der Stammessatire? Und Bleibtreu brachte glänzende Eigen— 
schaften mit für eine moderne Durchführung; im einzelnen sind 
seine Schilderungen von packendem Impressionismus. Gleich— 
wohl scheiterte der Versuch — und nicht bloß daran, daß wir 
zwischen dem eigentlichen Romane endlose Klatschereien zu dem 
unerquicklichen Thema der litterarischen Kritik mit in den Kauf 
nehmen müssen, — er scheiterte vor allem doch an der inneren 
Unmöglichkeit, mit den Mitteln der neuen Technik alsbald einen 
so gewaltigen Stoff umfassend zu meistern. 
Das, was diesen und wohl auch anderen verwandten 
Werken der Zeit fehlt, ist die langsam aus der impressio— 
nistischen Skizze als Zelle herausgebildete Form einer neuen 
Art der Romankomposition, die imstande gewesen wäre, die 
Summe der impressionistischen Skizzen wirklich zu einem Ganzen 
zusammenzufassen. Man war zu ungeduldig; man wollte 
das Ganze haben vor den Teilen. Konnte aber von einem 
Kunstwerke des großen Romans die Rede sein, wenn das 
Nebeneinander der Skizzen schließlich ein mechanisches blieb? 
So hatten die Meister des französischen Impressionismus, 
so hatte vor allem Zola es nicht gemeint. In Zolas Werken 
findet sich im allgemeinen eine bis ins einzelnste gehende Klein— 
malerei ganz durchgeführt nur in den ersten Abschnitten und 
Kapiteln; dann wird durch Hervorheben nur einzelner Züge 
gezeigt, wie aus dem ursprünglichen „Milieu“ durch langsame 
und ununterbrochene Umsetzung seiner „Valeurs“ ein anderes, 
zunächst ihm noch verwandtes entsteht, bis schließlich im Verlauf 
weiterer Umsetzungen der innere Gesamtzustand von dem ur— 
sprünglichen so verschieden erscheint, daß die alten äußeren Be—
	        
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