Full text: Tonkunst, Bildende Kunst, Dichtung, Weltanschauung (E,1.1902)

Tonkunst. 
den baltischen Landen, in Riga, gestrandet war und von dort 
aus die Aufführung seines „Rienzi“ in Paris ersehnte, an der 
Stelle, die ihm damals als erste und würdigste erschien, — 
und als ihm auf der Seereise nach London in Sturm 
und Wogenprall die Poesie des nordischen Meeres aufging: da 
tauchte, wohl auch im Anschluß an die Lektüre der mächtigen 
Meeresbilder Heinrich Heines, des ersten Seedichters der 
modernen europäischen Völker, vor seiner regen Einbildung 
die Gespenstergestalt des uferlosen Seefahrers auf und ließ 
ihm nicht Ruhe, bevor sie nicht dichterisch umfaßt, lieb 
gewonnen, bewältigt war. So ist der „Fliegende Holländer“ 
Wagners erste wirklich ganz erlebte Oper; darum ist ihr Text 
kein Opernlibretto im alten Sinne mehr, sondern, trotz noch 
beibehaltener alter Scenenordnung, eine Dichtung: ein Werk, 
das von einheitlicher Stimmung getragen und durchhaucht ist. 
Und darum ist auch schon die Musik, trotz teilweis festgehaltener 
früherer Formen, nicht mehr eine alte, in der sich die musika— 
lischen Empfindungen in ruckweisen, unter sich so gut wie un— 
verbundenen Ergüssen auf einzelne herkömmliche architektonische 
Formen, auf Arien und Duette, auf Anfangs- und Schluß-— 
chöre und dergleichen verteilen: — neu ist sie vielmehr, wenigstens 
bereits der Absicht nach, in der Tendenz, den ganzen Verlauf der 
Handlung mit einem musikalisch zusammenhängenden sympho— 
nischen Gewebe zu begleiten, ja ihn in ein solches Gewebe 
aufzulösen: aus der Ballade der Senta im zweiten Akt ent— 
sprossen nach Wagners eigener Angabe die thematischen Keime 
zur ganzen Musik der Oper. Aber freilich: war die Absicht 
schon erreicht, das ganze Werk musikalisch zu einer einzigen 
großzügigen Symphonie zu gestalten? Wagner hat auch hier 
den Abstand zwischen Wollen und Vollbringen selbst deutlich 
bezeichnet: er sah später im „Fliegenden Holländer“ nur 
noch ein Übergangswerk; er fand nun alles nur „in weitesten, 
oagesten Umrissen gezeichnet“, und ihm erschien „vieles noch 
unentschieden, das Gefüge der Situationen meist noch ver— 
ichwimmend“. 
Die Meisterwerke der ersten Periode sind ,Tannhäuser“ und
	        
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