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Dichtung.
Problem der impressionistischen Umgestaltung der großen Form,
der Gesamtdisposition des Romans: wie weit ist sie ein—
getreten, wie weit gewollt, wie weit vermieden? Indes diese
Frage kompliziert sich nun für Sudermann noch einmal durch
den Umstand, daß der Dichter nicht bloß, ja nicht einmal an
erster Stelle und seiner Grundanlage nach Erzähler ist, sondern
Dramatiker. Denn gewiß hat er, der Reihenfolge seiner ver—
öffentlichten Werke nach, als Erzähler begonnen; dem kleinen
Bändchen schlüpfriger Geschichten „Im Zwielicht“ vom Jahre
1887 folgten zunächst der große Roman „Frau Sorge“ (1887),
dann die „Geschwister“ (1888), „Der Katzensteg“ (1889),
„Jolanthes Hochzeit“ (1892) und endlich „Es war“ (1894), —
wogegen die Dramen erst mit der „Ehre“ (1890) einsetzten,
um dann freilich in rascher Folge, vor allem seit 1896, die er—
zählenden Werke zu überholen. Allein diesem äußeren Anschein
entspricht nicht der wirkliche Entwicklungsgang des Dichters.
Thatsfächlich hat er mit dramatischen Arbeiten begonnen, die
nur nicht an die Öffentlichkeit gelangten, und ist dann immer
mehr wieder zum Drama zurückgekehrt, sobald er Träger eines
bekannten Namens geworden war.
Dem Entwicklungsgange entspricht auch die innere Anlage
Sudermanns. Soll sie mit einem Worte bezeichnet werden, so
bietet sih im Grunde doch nur der Ausdruck dramatisch dar.
Und zwar dramatisch wesentlich im Sinne eines physiologischen
Impressionismus. Denn wie Wildenbruch ist Sudermann im
Grunde ein mäßiger Psychologe; er sieht mehr in die Breite
als in die Tiefe. Dagegen ist er, um Wildenbruch nochmals
—DDD
Blick für das Außere, das Physiologische des Vorgangs: eben
hierin liegt seine Stärke. Mit welchen Augenblicksaufnahmen
des Momentes weiß er nicht oft zu überraschen; wie erhascht
er nicht in Schilderungen der Veränderungen des Gesichts—
ausdrucks wie auch der atmosphärischen Wechsel der Land—
schaft das kaum Bemerkbare, im Nu Vorüberhuschende, Flüch—
tigste der Sekunde! Er steht in dieser Hinsicht an Begabung
etwa zwischen Spielhagen und Zola, noch nicht so ganz Im—