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Dichtung.
Bei Kretzer geschah das im ganzen mehr nach der stofflichen
Seite hin, — er ist der erste große Armeleutemaler der Roman—
litteratur; Sudermann dagegen verarbeitete die Ergebnisse des
Impressionismus mehr innerlich, in der Formgebung
Kretzer ist vom Arbeiter zum Schriftsteller geworden; kein
Wunder daher, wenn er den vierten Stand erstaunlich gut
kennt und ihn auch vor allem darstellt. So in seinen früheren
Romanen „Die beiden Genossen“ (1880), „Die Betrogenen“
(1882), „Die Verkommenen“ (1883) und in „Meister Timpe“
(1888), zweifelsohne dem Höhepunkt des naturalistischen
Schaffens des Dichters. Dabei spielt von diesen Erzählungen
die erste noch nicht in Berlin, sondern in einer kleinen Stadt,
doch ist der Held ein Berliner sozialdemokratischer Agitator; die
späteren Romane dagegen haben vornehmlich Berlin zum Schau—
platze und bilden eine Art proletarischer Fortsetzung des zeitlich
zumeist früher liegenden bourgeoisen Berliner Romanes der
Lindau und Genossen. Deutliche Einwirkungen des neuen
Stoffes auf die Form im impressionistischen Sinne zeigen
zuerst „Die Verkommenen“: wir erhalten hier eine sehr genaue
Kleinmalerei bestimmter Berliner Elendsviertel. Doch giebt
der Dichter dabei keineswegs bloß „menschliche Dokumente“;
starker Idealist, ist er stets mit dem Herzen, nicht bloß mit
den Nerven bei der Sache. Im übrigen ist in diesem Roman
die allgemeine Kunstform noch uralt, etwa die des jungdeutschen
Romans, wenn man überhaupt schon von einer Kunstform
reden will. Denn eine starke dichterische Beanlagung tritt
zwar kräftig zu Tage, aber sie ist erst halb litterarisch erzogen:
es fehlt der Künstler, ja es fehlt sogar noch ein wenig der
Gebildete: die Schilderung ist zwar gegenständlich, aber platt;
die Sprache hat noch etwas Linkisches, der Stil ist schleppend,
und kleine Unreinlichkeiten des Denkens machen die Lektüre
fast unerträglich.
Wie viel höher steht da, in gewissem Sinne ein Meister—
werk, „Meister Timpe“! Zwar ist auch hier die große, auf das
Ganze gehende Formgebung noch altväterisch, und auch im
einzelnen erinnert Vieles an vergangene Zeiten: die glücklicher—