Full text: Tonkunst, Bildende Kunst, Dichtung, Weltanschauung (E,1.1902)

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Dichtung. 
Bei Kretzer geschah das im ganzen mehr nach der stofflichen 
Seite hin, — er ist der erste große Armeleutemaler der Roman— 
litteratur; Sudermann dagegen verarbeitete die Ergebnisse des 
Impressionismus mehr innerlich, in der Formgebung 
Kretzer ist vom Arbeiter zum Schriftsteller geworden; kein 
Wunder daher, wenn er den vierten Stand erstaunlich gut 
kennt und ihn auch vor allem darstellt. So in seinen früheren 
Romanen „Die beiden Genossen“ (1880), „Die Betrogenen“ 
(1882), „Die Verkommenen“ (1883) und in „Meister Timpe“ 
(1888), zweifelsohne dem Höhepunkt des naturalistischen 
Schaffens des Dichters. Dabei spielt von diesen Erzählungen 
die erste noch nicht in Berlin, sondern in einer kleinen Stadt, 
doch ist der Held ein Berliner sozialdemokratischer Agitator; die 
späteren Romane dagegen haben vornehmlich Berlin zum Schau— 
platze und bilden eine Art proletarischer Fortsetzung des zeitlich 
zumeist früher liegenden bourgeoisen Berliner Romanes der 
Lindau und Genossen. Deutliche Einwirkungen des neuen 
Stoffes auf die Form im impressionistischen Sinne zeigen 
zuerst „Die Verkommenen“: wir erhalten hier eine sehr genaue 
Kleinmalerei bestimmter Berliner Elendsviertel. Doch giebt 
der Dichter dabei keineswegs bloß „menschliche Dokumente“; 
starker Idealist, ist er stets mit dem Herzen, nicht bloß mit 
den Nerven bei der Sache. Im übrigen ist in diesem Roman 
die allgemeine Kunstform noch uralt, etwa die des jungdeutschen 
Romans, wenn man überhaupt schon von einer Kunstform 
reden will. Denn eine starke dichterische Beanlagung tritt 
zwar kräftig zu Tage, aber sie ist erst halb litterarisch erzogen: 
es fehlt der Künstler, ja es fehlt sogar noch ein wenig der 
Gebildete: die Schilderung ist zwar gegenständlich, aber platt; 
die Sprache hat noch etwas Linkisches, der Stil ist schleppend, 
und kleine Unreinlichkeiten des Denkens machen die Lektüre 
fast unerträglich. 
Wie viel höher steht da, in gewissem Sinne ein Meister— 
werk, „Meister Timpe“! Zwar ist auch hier die große, auf das 
Ganze gehende Formgebung noch altväterisch, und auch im 
einzelnen erinnert Vieles an vergangene Zeiten: die glücklicher—
	        
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