Dichtung.
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„Gaea“: die gegensätzliche Entwicklung des Realisten, der sich
mit allen seinen Diesseitswünschen in die Welt einnistet, und
des entsagenden Idealisten wird geschildert; und die Krone
wirklichen Glückes fällt dem Idealisten zu. Im ganzen aber
ergab sich als die Form des Symbolismus, die volkstümlich
wurde, doch durchaus das Traum- und noch früher das
Märchendrama; und man mag bei Erwähnung dieser That—
sache wohl der Märchendramen Raimunds rückwärts gedenken,
die bis heute der deutschen Bühne nicht verloren gegangen sind
und eben in den Jahren des neuen Märchenspiels zum Teil
etwas wie eine Auferstehung gefeiert haben.
Im übrigen konnten die Stoffe zu den neuen Dramen am
besten fremden Litteraturen entnommen werden, namentlich den
phantastischen des Orients. Und damit war dann die Mög—
lichkeit eines entscheidenden Wurfes für einen Dichter gegeben,
der vornehmlich formbegabt, aneignungsfähig und litterar—
historisch imprägniert war. Dieser Dichter war Ludwig Fulda
(geb. 1862). Im Jahre 1892 gelangte Fuldas „Talisman“
auf die Bühne. Der außerordentliche Erfolg dieses Stückes
wurde gewiß teilweis mit dem Stoffe verdankt: ein junger
König angehenden Caesarenwahns wird von dem klugen Omar
dadurch geheilt, daß ihm ein ganz augenscheinlicher Irrtum,
in den er sich und seinen Hof und sein Volk verstrickt hat,
von einem kleinen Mädchen nachgewiesen wird: worauf er be—
schließt, künftig mit Rat seines Volkes zu regieren, um vor
bösen Versehen gegenüber der Wirklichkeit der Thatsachen be—
wahrt zu sein. Allein daneben war es doch nicht minder der
leichte, frohe Ton des orientalischen Märchens, der anzog und
entzückte. Freilich in dieser einfachen Form nur kurze Zeit.
Wenige Jahre später hat Fulda dem „Talisman“ ein zweites
Märchendrama folgen lassen, den „Sohn des Kalifen“, — ohne
Glück: die reine Märchenstimmung war schon vorüber. Zu
gute kam sie dagegen noch einem Stücke, das fast gleichzeitig
mit Fuldas „Talisman“ auftauchte, der Bearbeitung des
indischen Dramas Mritschhakatika, die Emil Pohl, ein
älterer Dichter, in schön gebauten Versen unter dem Namen
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