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Dichtung.
und „Florian Geyer“); nur die weitesten aller Arenen, die
nationale, staatliche, kosmopolitische, sind noch wenig betreten
worden. Und alsbald bildet sich, zuerst bei Ibsen, dann, mit
gewissen Änderungen, auch bei Hauptmann, Sudermann, Halbe,
Hartleben, Ernst Rosmer, Schnitzler u. a. auch eine besondere
Form der Konfliktsbehandlung unter diesen Umständen heraus:
eine Stilisierung also der Handlung und damit ein deutlicher
Beweis für das Vorhandensein wenigstens idealistischer Mo—
mente. Wir werden zunächst in eine Umwelt eingeführt, die
im Verhältnis zu den Bestrebungen der zur Handlung be—
rufenen Gestalten in labilem Gleichgewicht steht; dann erscheint
eine Person, welche dies Gleichgewicht stört, indem sie dem
Helden sein zum Kampfe gegen die Umwelt drängendes Innere
erst völlig erschließt und frei macht, und der Konflikt beginnt.
Genügt in großen sozialen Dramen eine Person nicht, so
werden statt deren wohl auch mehrere aufgebracht, so z. B. in
Hauptmanns „Webern“ der starke Weber Bäcker und der aus
der Garnison heimkehrende Webergesell Jäger.
Man darf bei diesen Gestalten wohl an etwas wie einen
immanenten, die Handlung in Bewegung setzenden deus ex
machina denken, wenn der Ausdruck erlaubt ist. Die Berechtigung
hierzu ergiebt sich, wenn man Eigentümlichkeiten des parallel
laufenden impressionistischen Romans heranzieht. Dieser ist be—
kanntlich in den besten Fällen so gebaut, daß ein soziales Milieu
geschildert erscheint, daß dann dessen langsame Änderungen vor⸗
geführt werden, und daß endlich zu Tage tritt, wie gewisse
Personen, die sich in dem Zustand des ersten Milieus sehr
wohl fühlten, in dem Schlußzustand nicht mehr leben können
und zu Grunde gehen, es sei denn, daß sie sich diesem Zustand
anpassen. Wie man sieht, wird also der Konflikt im Romane
durch Verschiebung des Milieus erzeugt und dieses (und
das heißt die immanente Gesetzmäßigkeit) dadurch als über—
mächtig erwiesen. Dieser Weg, der langsame und eindring—
liche Erzählung voraussetzt, kann im Drama nicht eingeschlagen
werden. Hier wird daher das Problem so gefaßt, daß sich
der Held oder die Heldin durch einen äußeren Anlaß, zumeist