Full text: Tonkunst, Bildende Kunst, Dichtung, Weltanschauung (E,1.1902)

1. In den Abschnitten über bildende Kunst und Dichtung 
sind die Entwicklungsvorgänge einer neuen ästhetischen Kultur 
ihren allgemeinen Strömungen nach geschildert worden. Ist 
damit die Absicht erreicht worden, in jeder Hinsicht allen Per— 
sönlichkeiten gerecht zu werden, die innerhalb der Darstellung 
dieser Strömungen genannt worden sind? Keineswegs! Aber 
diese Absicht war auch gar nicht vorhanden. 
Es wäre ein Irrtum, anzunehmen, daß die Einzelpersonen, 
deren Wirken wichtig genug ist, um im geschichtlichen Ge⸗— 
dächtnis festgehalten zu werden, nun sozusagen mit Haut und 
Haar, mit Leib und Leben in die Geschichte übergingen. Die 
geschichtliche Kunst charakterisiert nur im Relief, von einem be— 
stimmten, durch den Verlauf der allgemeinen Richtungen ge— 
gebenen Standpunkte aus; sie hat nicht die Aufgabe, Personen 
in Rundplastik darzustellen, — nicht einmal in der historischen 
Biographie ist das die Pflicht. Und niemand hat das schon 
besser gewußt als der Anfänger und Meister aller der Absicht 
nach wissenschaftlichen Geschichtschreibung, Thukydides: selbst 
von den größten Helden der von ihm behandelten Zeit, von 
Perikles z. B., teilt er uns nur die Züge mit, die für den all— 
gemeinen Verlauf der Dinge von unbestreitbarer Bedeutung 
waren. Eine wissenschaftliche Geschichte ist kein Gemisch durch— 
einander verwebter Vollbilder von Persönlichkeiten. 
Und läßt sich denn überhaupt die Persönlichkeit als Ganzes 
wissenschaftlich erfassen? Wissenschaftlich denken heißt ver— 
gleichen, — und das Individuum ist eben dadurch gekennzeichnet, 
daß es kein Vergleichsobjekt ist. So sind Individuen überhaupt 
nur Gegenstände ahnenden Verständnisses, nicht wissenschaft—
	        
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