1. In den Abschnitten über bildende Kunst und Dichtung
sind die Entwicklungsvorgänge einer neuen ästhetischen Kultur
ihren allgemeinen Strömungen nach geschildert worden. Ist
damit die Absicht erreicht worden, in jeder Hinsicht allen Per—
sönlichkeiten gerecht zu werden, die innerhalb der Darstellung
dieser Strömungen genannt worden sind? Keineswegs! Aber
diese Absicht war auch gar nicht vorhanden.
Es wäre ein Irrtum, anzunehmen, daß die Einzelpersonen,
deren Wirken wichtig genug ist, um im geschichtlichen Ge⸗—
dächtnis festgehalten zu werden, nun sozusagen mit Haut und
Haar, mit Leib und Leben in die Geschichte übergingen. Die
geschichtliche Kunst charakterisiert nur im Relief, von einem be—
stimmten, durch den Verlauf der allgemeinen Richtungen ge—
gebenen Standpunkte aus; sie hat nicht die Aufgabe, Personen
in Rundplastik darzustellen, — nicht einmal in der historischen
Biographie ist das die Pflicht. Und niemand hat das schon
besser gewußt als der Anfänger und Meister aller der Absicht
nach wissenschaftlichen Geschichtschreibung, Thukydides: selbst
von den größten Helden der von ihm behandelten Zeit, von
Perikles z. B., teilt er uns nur die Züge mit, die für den all—
gemeinen Verlauf der Dinge von unbestreitbarer Bedeutung
waren. Eine wissenschaftliche Geschichte ist kein Gemisch durch—
einander verwebter Vollbilder von Persönlichkeiten.
Und läßt sich denn überhaupt die Persönlichkeit als Ganzes
wissenschaftlich erfassen? Wissenschaftlich denken heißt ver—
gleichen, — und das Individuum ist eben dadurch gekennzeichnet,
daß es kein Vergleichsobjekt ist. So sind Individuen überhaupt
nur Gegenstände ahnenden Verständnisses, nicht wissenschaft—