Full text: Tonkunst, Bildende Kunst, Dichtung, Weltanschauung (E,1.1902)

Weltanschauung. 
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selbst wiederholen. Und schon die Sprache versagt hier; sie stellt 
jene Unsumme von Abschattierungen der Wörter und der hinter 
diesen stehenden Begriffe nicht zur Verfügung, deren es als 
Materials bedürfen würde, um die einzelnen Nuancen des Ge— 
mäldes der Wirklichkeit entsprechend herauszubringen. Und sie 
versagt dabei sogar schon für die Schilderung der Gegenwart, 
obwohl doch zu deren Beleuchtung gerade ihr heutiges Material 
am ehesten beitragen könnte; und sie versagt in noch viel 
höherem Grade — und je weiter rückwärts, um so stärker — 
für jene Vergangenheiten, auf deren Wiedergabe auch nur im 
groben der gegenwärtige Charakter ihres Körpers und ihres 
Baues nicht mehr zugeschnitten ist. Aus diesem Zusammenhang 
ergeben sich jene trostlosen Stunden des Geschichtschreibers, der 
bestimmte Gegensätze und Schattierungen der Vergangenheit 
deutlich fühlt, zugleich aber sich außer stande sieht, sie mit den 
vorhandenen Sprachmitteln schlagend auszudrücken. Man könnte 
da im ersten Augenblick wohl an eine neue Terminologie zur 
Ausfüllung der Lücke denken. Aber eine solche Terminologie 
würde unendlich sein, hieße mindestens die Wiederbelebung aller 
alten Sprachmittel, in denen vergangenes Seelenleben sich jemals 
verkörpert hat! Unmöglich — nur um die Festlegung einiger 
grober und gröbster Beziehungen der allerwichtigsten Unterschiede 
vergangenen Seelenlebens kann es sich wenigstens zunächst 
handeln, so, wie sie etwa bisher in der Einordnung der Entwick— 
lung menschlicher Gemeinschaften in gewisse psychische Perioden 
vor liegt!. 
Und nun das weitere Problem! In den Rahmen jener 
feinen Übergangsnuancen zwischen polaren Gegensätzen einer 
geschichtlichen Entwicklung, die sich eben noch aufstellen lassen, 
find jetzt wiederum jene einzelnen Persönlichkeiten möglichst 
individuell einzuzeichnen, die vornehmste Träger dieser Nuancen 
gewesen sind! Die einzelne Schattierung in ihrem Verhältnis 
zu den vor und nach ihr liegenden Schattierungen giebt den 
Standpunkt ab, von dem aus die Rundgestalten der Individuen, 
die für sie charakteristisch sind, zu Flachbildern historischen 
1 S. oben S. 69ff.
	        
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