Full text : Tonkunst, Bildende Kunst, Dichtung, Weltanschauung (E,1.1902)

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Weltanschauung.

durch die Wissenschaft verlangt: der Kampf gegen eine wissen⸗
schaftlich-philosophische Asthetik. Ihn haben schon Ludwig
und Hebbel aufgenommen, freilich noch bescheiden genug: so
hat Hebbel noch 1848 vor der philosophischen Ästhetik die alte
Hochachtung, möchte aber doch für die künstlerische Praxis
daneben die Erfahrungen der Künstler hören, und besonders
wichtig erscheinen ihm eingehende Bekenntnisse über das Ge—
heimnis des eigentlichsten schöpferischen Vorgangs. Richard
Wagner ist dann schon nicht mehr so zurückhaltend; er schafft
seine Ästhetik aus seinem Werke und duldet keine Götter neben
ihm. Wie dann im Laufe der achtziger Jahre die letzten
Reste der alten ästhetischen Wissenschaft von den Künstlern ab—
geschüttelt wurden, wie mit der vollen Entfaltung der neuen
Kunst zunächst die Herrschaft des Historismus fiel — hat doch
schon in dieser Zeit ein großer Künstler eine altägyptische
Landschaft mit Telegraphendrähten versehen — das sind be—
kannte Thatsachen. Zugleich aber erweitern sich die Ansprüche
der neuen Phantasiethätigkeit auf Beherrschung des gesamten
Seelenlebens. Von außerordentlicher Bedeutung war hier, daß
die moderne Kunst in höherem Grade als die Künste früherer
Zeitalter Mitthätigkeit im phantasievollen Genuß verlangt, da
ihre Technik auf Hervorrufung von Spannungsgefühlen beruht,
die vielfach von dem Genießenden gelöst werden müssen.
Fiedler, der Freund von Marées und Böcklin und Hildebrand,
hat das zuerst ganz erkannt und daraufhin in den siebziger
und achtziger Jahren seine Lehre vom produktiven Kunstgenuß
entwickelt. Wenn aber die Nation zur Mitarbeit am Phantasie—
leben aufgefordert und hingerissen wurde, wenn dementsprechend
so produktive Genießer auftraten wie etwa Hermann Bahr,
einer der feinsten Nachempfinder der Zeit: hieß das nicht die
Nation langsam überhaupt auf künstlerischen Boden stellen?
Und die Nation folgte diesem Rufe: die begeisterte und über—
raschend schnelle Aufnahme des Buches „Rembrandt als Er—
zieher“, das in diese Regionen lockte, war um 18090 hierfür
ein überraschendes Zeugnis.
In den neunziger Jahren hat dann die Phantasiethätigkeit
            
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