Full text: Tonkunst, Bildende Kunst, Dichtung, Weltanschauung (E,1.1902)

Weltanschauung. 
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ethische Normen abgeleitet hatte. So hat in Deutschland 
Wilhelm Jordan bereits in dem Epos „Demiurgos“ (1854) den 
Kampf ums Dasein als das eigentliche Geheimnis der Ent— 
wicklung gezeichnet und hieraus für die sittlichen Anschauungen 
seines Helden Folgerungen gezogen. Späterhin hat dann 
freilich Jordan, nunmehr mit den Lehren Darwins vertraut, 
seine Meinung weit deutlicher formuliert und eine Ethik gelehrt, 
die sich in den Versen Fritz Kögels zusammenfassen läßt: 
Soll alles, was du hast und bist, verderben? 
Bleibt nichts von deinem Sein und Ich zurück? 
Bau über dich hinaus und laß den Erben 
Gesundheit, Stärke, Selbstbeherrschung, Glück! 
Indes zunächst und im allgemeinen war man doch ratlos; 
und Darwin selbst ist weit davon entfernt geblieben, die 
sittlichen Folgen seiner Entwicklungslehre ganz zu empfinden. 
In der That war die Aufgabe, eine Ethik des Evolutionismus 
zu entwickeln, scharf ins Auge gefaßt, nicht eben leicht. Denn 
zweierlei Ethiken konnten bei genauerem Eingehen auf die 
Lehren des Darwinismus begründet werden. 
Einmal hatte Darwin für die Entwicklung der organischen 
Welt die Erklärungsreihe der Anpassung und Vererbung (soweit 
man diese etwa noch heute gelten lassen will) und der Zucht⸗ 
wahl oder natürlichen Auslese, wonach nur die kräftigsten 
Individuen überleben, gefunden. Es waren egoistische Prin⸗ 
zipien; übertrug man sie auf die Menschenwelt und die will—⸗ 
kürliche und das heißt sittliche Regelung der Entwicklung der⸗ 
selben, so kam man zu einer physiologischen Entwicklungsethik 
des Egoismus. Und da ergab sich denn als eine der ersten 
und grundsätzlichsten Forderungen, daß alle Hindernisse für die 
natürliche Auslese fallen müssen, so vor allem das Erbrecht 
und jede Begünstigung des Einzelnen durch Momente, die 
außerhalb seiner individuellen Anlage liegen. Und weiter ergab 
sich, daß die Auslese geregelt werden müsse: also Heiratsverbote 
gegenüber Kranken, Beseitigung allzu Schwacher oder Schwacher 
uͤberhaupt u. s. w. Ferner mußte nach den Prinzipien einer
	        
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