Full text: Tonkunst, Bildende Kunst, Dichtung, Weltanschauung (E,1.1902)

zos 
Weltanschauung 
unser bewußtes Wollen aufstellt, ist doch im Verlaufe der 
späteren wissenschaftlich-intellektualistischen Zeit des 19. Jahr— 
hunderts immer mehr zurückgetreten. Maßgebend war hierfür 
vielleicht mit die Scheidung zwischen den Objekten der Meta— 
physik und der Religion, die sich seit dem subjektivistischen 
Zeitalter immer klarer vollzogen hat. Umfaßte noch bis ins 
18. Jahrhundert hinein die Religion, als uralter Ausdruck 
jeglicher metaphyfischen Philosophie, eigentlich zwei große Ge— 
biete, nämlich das des Bedürfnisses der Welterklärung und das 
des Strebens nach Heiligung oder nach dem Besitze eines 
höchsten Gutes — Gebiete, die freilich durch vielfache Mög⸗ 
lichkeiten der Gedankenverbindung zusammenhängen —, so trat 
seit Kant theoretisch und dann auch immer deutlicher in der 
Praxis der Unterschied ein, daß die Frage nach der Einheit 
der Welt als metaphysisch, die Frage nach der Erkenntnis des 
höchsten Gutes und der Möglichkeit, die Wirkung desselben zu 
erfahren, dagegen als religiös betrachtet wurde. Ist dann 
darüber hinaus neuerdings die Frage immer stärker aufgeworfen 
worden, inwiefern selbst noch Ethik und Religion unzertrennbar 
zusammenhängen oder nicht, so ergab sich doch zunächst bei der 
Trennung metaphysischer und religiöser Betrachtungen und 
teilweis auch Überzeugungen als sicher vor allem die Trennung 
von Ethik und Metaphysik; und die hieraus folgenden Er—⸗ 
scheinungen des Denkens wurden sichtbar besonders von der 
Zeit jener Forscher an, die nicht mehr dem Bannkreis der 
Identitätsphilosophie angehörten. 
Der erste große Philosoph, der hier in Betracht kommt, 
ist Beneke gewesen. Bei ihm hat das Bestreben, die Ethik 
rein psychologisch und keineswegs mehr metaphysisch zu be⸗ 
gründen, schon unzweifelhaften Erfolg. Er basiert die Ethik 
auf die psychischen Wertverhältnisse. Psychische Werte sieht 
er dabei sich nach den Steigerungen und Herabstimmungen 
unseres Seelenlebens bilden, die entweder unmittelbar aus der 
Empfindung oder aus deren Reproduktion, und hier dann 
teils als Einbildungsvorstellungen, teils als Begehren, hervor— 
gehen: Steigerungen bedeuten Erhöhung, Herabstimmungen
	        
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