Full text : Tonkunst, Bildende Kunst, Dichtung, Weltanschauung (E,1.1902)

Weltanschauung.

Erniedrigung der Wertschätzung. Durch solche Vorgänge unseres
Seelenlebens kommen wir nach der Lehre Benekes zu einer
Abstufung der Güter und Übel; und diese Abstufung ist beim
normalen Menschen so bemessen, daß die höchsten sittlichen
Güter den obersten Platz einnehmen. Wir sind in dieser
Richtung von der Natur im Grunde unserer Seele mit einem
feinen Gefühl ausgestattet; aus den gleichartigen Auslösungen
dieses Gefühls ergeben sich die sittlichen Begriffe, und aus
diesen geht schließlich auf dem Wege der Bildung sittlicher
Urteile ein allgemeines Sittengesetz hervor.
Man sieht: diese Ethik beruht zunächst auf rein individual⸗
psychologischer Grundlage. Doch geht Beneke von dieser Grund⸗
lage immerhin auch schon auf die Fragen der menschlichen Ge⸗
sellschaft ein. Sittlich gut erscheint ihm dabei nicht bloß das⸗
jenige, was den höchststehenden Wertverhältnissen der seelischen
Funktionen des Einzelnen entspricht, sondern auch das, was
für die Gesamtheit, auf die wir wirken, das wertvollste ist.
Doch stehen die individualpsychischen Beobachtungen noch ent⸗
scheidend im Vordergrunde.
Es ist ein Standpunkt, den die spätere Ethik der wissen⸗
schaftlichen Periode zumeist von dem Augenblick an verlassen
hat, da aus Gründen, die vornehmlich in der wirtschaftlichen
und gesellschaftlichen Entwicklung der Nation beschlossen waren,
die sozialpsychischen Probleme mehr in den Vordergrund traten.
Es geschah das der Hauptsache nach in den siebziger und
achtziger Jahren. Und nun erfolgte, auf der Grundlage
des mittlerweile voll entfalteten Evolutionismus, ein den An⸗
forderungen der Zeit gemäßer Ausgleich individual⸗ und sozial⸗
ethischer Momente. Das erste große aus dieser Konstellation
hervorgehende System hat hier, nach mannigfachen Bearbeitungen
einzelner Gebiete durch andere, unter denen namentlich Iherings
„Zweck im Recht“ hervorragt, Wundt in seiner Ethik (1886)
geschaffen.
Wundts Ethik fußt auf der Thatsache, daß der Mensch
sich im Verlauf der Zeiten allerdings aus einem Zustande
sozialer Indifferenz heraus individualisiere, aber nicht, „um sich
            
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