Full text: Tonkunst, Bildende Kunst, Dichtung, Weltanschauung (E,1.1902)

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Tonkunst. 
hunderts ermittelt ward, begannen aus neuen Strukturgesetzen 
neue Gattungen der musikalischen Erfindung zu erwachsen: wie 
bald vermehrten sich die einfache Cantata und die einfache 
Sonata, das gesungene und das gespielte Musikstück harmonischen 
Satzes zu den verschiedensten Formen: der Arie, dem Recitativ, 
der Suite, dem Konzert u. s. w. Und nun erstand jene reiche 
Welt einer neuen Musik, von Schütz und Schein, den großen 
deutschen Anfängern des Neuen an bis zu Händel. Mit Bach 
feierte zwar die alte Kontrapunktik noch einmal eine Auf— 
erstehung: ergiebt sie sich in den Werken für Orgel, die Bachs 
Thätigkeit zentral zum Ausdruck bringen, als ein diesem In— 
strument anscheinend wesenhaftes Element, so übertrug sie Bach 
doch auch auf andere Gattungen der Komposition. Aber wie 
er nebenher ein Meister volltöniger Harmonik ist, so ist seine 
Kontrapunktik überhaupt nicht mehr die schematische früherer 
Zeit und wird in seiner Behandlung ein starkes Ausdrucksmittel 
der Stimmung. Durch Haydn und Mozart aber finden dann 
die neuen musikalischen Formen ihre klassische Ausprägung: sie 
haben vor allem die Melodie verinnerlicht und sie zum Dolmetsch 
feiner abgestufter Empfindungen umgeschaffen. Und damit erhob 
sich denn ein großes Zeitalter neuer Musik mehr als eben— 
bürtig der Blütezeit der ausgehenden mittelalterlichen Musik 
eines Dufay und Ockeghem, Isaac und Senfl, und zugleich um 
eine Entwicklungsstufe höher. 
Aber schon in der Reifezeit dieser Kunst begann etwas Ahn⸗ 
liches einzutreten wie früher die Umwandlung der Kontrapunktik 
zu bloß virtuoser Berechnung von Tönen. Wie sich die alte 
Musik architektonisiert hatte, so geschah es auch mit der neuen. 
Die musikalischen Formen der Sonate, der Suite, der Sym— 
phonie, um nur die gebräuchlichsten Arten zu nennen, setzten sich 
aus einer Anzahl kleinerer formaler Teile, gern etwa dreien, 
zusammen, für deren Wesen und Stimmung feststehende typische 
Auffassungen zur Geltung gelangten. Nach diesen Auffassungen 
wurde aufgebaut, erhielten die Teile, oft ohne nähere Stimmungs— 
beziehung zu einander, ihre Fügung als Ganzes. Es war, 
innerhalb des Bereiches der seit dem 16. Jahrhundert steigend
	        
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