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Tonkunst.
hunderts ermittelt ward, begannen aus neuen Strukturgesetzen
neue Gattungen der musikalischen Erfindung zu erwachsen: wie
bald vermehrten sich die einfache Cantata und die einfache
Sonata, das gesungene und das gespielte Musikstück harmonischen
Satzes zu den verschiedensten Formen: der Arie, dem Recitativ,
der Suite, dem Konzert u. s. w. Und nun erstand jene reiche
Welt einer neuen Musik, von Schütz und Schein, den großen
deutschen Anfängern des Neuen an bis zu Händel. Mit Bach
feierte zwar die alte Kontrapunktik noch einmal eine Auf—
erstehung: ergiebt sie sich in den Werken für Orgel, die Bachs
Thätigkeit zentral zum Ausdruck bringen, als ein diesem In—
strument anscheinend wesenhaftes Element, so übertrug sie Bach
doch auch auf andere Gattungen der Komposition. Aber wie
er nebenher ein Meister volltöniger Harmonik ist, so ist seine
Kontrapunktik überhaupt nicht mehr die schematische früherer
Zeit und wird in seiner Behandlung ein starkes Ausdrucksmittel
der Stimmung. Durch Haydn und Mozart aber finden dann
die neuen musikalischen Formen ihre klassische Ausprägung: sie
haben vor allem die Melodie verinnerlicht und sie zum Dolmetsch
feiner abgestufter Empfindungen umgeschaffen. Und damit erhob
sich denn ein großes Zeitalter neuer Musik mehr als eben—
bürtig der Blütezeit der ausgehenden mittelalterlichen Musik
eines Dufay und Ockeghem, Isaac und Senfl, und zugleich um
eine Entwicklungsstufe höher.
Aber schon in der Reifezeit dieser Kunst begann etwas Ahn⸗
liches einzutreten wie früher die Umwandlung der Kontrapunktik
zu bloß virtuoser Berechnung von Tönen. Wie sich die alte
Musik architektonisiert hatte, so geschah es auch mit der neuen.
Die musikalischen Formen der Sonate, der Suite, der Sym—
phonie, um nur die gebräuchlichsten Arten zu nennen, setzten sich
aus einer Anzahl kleinerer formaler Teile, gern etwa dreien,
zusammen, für deren Wesen und Stimmung feststehende typische
Auffassungen zur Geltung gelangten. Nach diesen Auffassungen
wurde aufgebaut, erhielten die Teile, oft ohne nähere Stimmungs—
beziehung zu einander, ihre Fügung als Ganzes. Es war,
innerhalb des Bereiches der seit dem 16. Jahrhundert steigend