Full text: Tonkunst, Bildende Kunst, Dichtung, Weltanschauung (E,1.1902)

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Weltanschauung. 
Seelenkräfte“ regten sich und verlangten einbezogen zu werden 
in die metaphysische Rechnung. Ja — sie siegten über den 
Intellekt. Sollte dem Stürmer und Dränger nicht Wille und 
Trieb als oberste Seelenfähigkeit oder als Grundprinzip aller 
seelischen Aktualität erscheinen? Die voluntaristische Metaphysik 
brach durch und beherrschte jenseits der Identitätsphilosophie 
und des Hegelianismus das 19. Jahrhundert. 
Inzwischen hat das Zeitalter der Reizsamkeit eine neue 
Enthüllung der Seele gebracht; der noch unter dem Triebe 
lagernde primäre Reizworgang — wie man sich etwa litterar⸗ 
historisch —, die noch kaum mit einem Inhalt geschwängerte 
primitive Empfindung — wie man sich etwa psychologisch wird 
ausdrücken können — ward bekannt und forderte die funda— 
mentale Anerkennung, die bisher der Trieb gefunden. Ist diese 
Anerkennung nun schon in einer neuen Metaphysik erreicht 
worden? Das ist die heute entwicklungsgeschichtlich wichtigste 
Frage. — 
Der Kantsche und der nachkantische Idealismus haben nach 
ihrem metaphysischen Teile die ganze erste Hälfte, ja noch eine 
gute Zeit der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts beherrscht. 
Wie Lotze in seinem Mikrokosmus (1836— 1864) versucht hat, 
noch einmal die großen Gedanken des Zeitalters dieser Systeme 
mit den inzwischen fortgeschrittenen Erfahrungen der Geistes— 
und besonders der Naturwissenschaften zu verschmelzen und 
auszusöhnen, ist bekannt. Später hat man noch kritischere 
Umwandlungen speziell der Kantschen Metaphysik versucht; 
dahin gehört Liebmanns Buch „Zur Analysis der Wirklichkeit“ 
(1876) und Volkelts Schrift „Erfahrung und Denken (1886). 
Allein diese Versuche wurden, es läßt sich nicht verkennen, von 
immer geringerem Einfluß auf das allgemeine Denken. Ja 
man mußte mit ansehen, wie sich, eigentlich zum ersten Male 
in der deutschen Geschichte, im Zusammenhang mit dem natur— 
wissenschaftlichen Rationalismus der vierziger bis siebziger 
Jahre materialistische Tendenzen geltend machten: wie man das 
Problem „Natur und Geist“, da es von der Geistesseite her 
nicht lösbar erschien, nun von der Naturseite her anagriff.
	        
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