Full text: Tonkunst, Bildende Kunst, Dichtung, Weltanschauung (E,1.1902)

130 
Weltanschauung. 
indem er in ihm damit den primitivsten seelischen Vorgang 
sieht, kommt er zu dem Satze: nicht das Denken oder gar das 
Gefühl, vielmehr der Trieb sei das Ursprüngliche unseres 
seelischen Wesens. 
Wie verhält sich nun dieses seelische Wesen zur Welt, zur 
Natur? Hier verbindet Schopenhauer mit seiner Lehre vom 
Willen Kants Lehre von der Vorstellung: Die Welt ist unsere 
Vorstellung. Aber, und hierin zeigt sich sein künstlerisches und 
romantisches Denken, nicht immer eine klare Vorstellung, oft 
nur ein Traum. Wie der Wille dem Trieb, wird die Vor— 
stellung dem Wahn angenähert — sehr natürlich bei einem Geiste, 
der der Logik weit weniger traute als dem schöpferischen Erguß 
der Phantasie. Darum ist die Vorstellung nur die Maja des 
Inders, der Schleier des Truges, der Sonnenglanz auf 
dem Sande, den der von fernher dürstende Wanderer für 
Wasser hält. 
Darüber aber, wie sich Trieb und Traum, Wille und Vor— 
stellung verbinden, kann nur unser Inneres belehren. Und da 
findet Schopenhauer, daß der Leib nur das vorgestellte Äußer— 
liche unseres Ichs, das eigentliche Ich dagegen der Trieb sei. 
Und diese Auffassung überträgt er nun durch eine Reihe gewagter 
Analogieschlüsse auf das Verhältnis von Natur und Geist 
überhaupt; und so ist es, als lebten uralte Mythologeme bei 
ihm wieder auf: die Welt erscheint nun durchweg von Trieben 
belebt, vom Krystall bis zur Pflanze, und von der Pflanze 
hinauf bis zum Tier und zum Menschen. 
So ist die Welt ein organischer Aufbau von immer 
klareren Trieben, die sich vorwärts strecken in immer höhere 
Formen ihrer Verkörperung? — Keineswegs. Hier zeigt sich die 
Herkunft des Systems aus den ersten Jahrzehnten des 19. Jahr⸗ 
hunderts, die den Entwicklungsgedanken noch nicht als Gemein— 
gut des Denkens kannten. Schopenhauer ist ganz und gar 
Gegner aller Entwicklung; darum kann er keinen klaren Gedanken 
von der Geschichte als Wissenschaft fassen; und darum hat er 
Lamarcks ihm wohlbekannte Lehre als Lächerlichkeit gebrandinarkt. 
So bleibt denn in seiner entwicklungslosen Philosophie Wurzel
	        
Waiting...

Note to user

Dear user,

In response to current developments in the web technology used by the Goobi viewer, the software no longer supports your browser.

Please use one of the following browsers to display this page correctly.

Thank you.