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Weltanschauung.
in gleicher Weise Recht und Raum des Lebens finden, hier
schien es erreicht zu sein.
Allein hatte sich nicht inzwischen schon eine neue psychologische
Grundlage metaphysischen Denkens angemeldet? Verlangte die
neue Zeit der Reizsamkeit nicht eine neue Psychologie nicht
mehr so sehr des Triebes als noch viel elementarerer seelischer
Vorgänge? Das ist das Moment, das die heutigen Be—
strebungen auf psychologischem Gebiete so verworren und chaotisch
macht: ein Neues will sich emporringen, aber noch sind seine
Formen dunkel und ungewiß. Wie aber sollte sich auf dieser
schwankenden und unsicheren Grundlage schon eine wohldurch—
dachte metaphysische Hypothese entwickelt haben? Was die
jüngste Zeit kennzeichnet, das ist bei allem Zuge zum Transcen—
denten ein Stutzen bei dessen Ausbau, ein Verharren in Sehn—
sucht, und wenn dieser Zustand des Verharrens überschritten
wird, der UÜUbergang weit mehr zur Gedankendichtung als zur
klaren metaphysischen Vermutung. Und hat eine Poesie auf
diesem Gebiete nicht auch ihr Recht, vorausgesetzt allerdings,
daß sie ständig eben als Poesie erkannt und behandelt wird?
Unter diesen heute bestehenden Verhältnissen tritt das
Denken eines Mannes mehr in den Vordergrund, der bei Leb⸗
zeiten als Metaphysiker gar wenig geschätzt ward: Fechners
(Hauptwerk: „Die Tagesansicht gegenüber der Nachtansicht“,
1879). Fechner lehrte die Tiefen einer modernen Weltan—
schauung in phantastischen Formen des Denkens, aber vielleicht
gerade deshalb besonders trostreich und eindringlich. Wie
die Reduktion aller großen Agentien der Natur auf Bewegungs⸗
vorgänge gelungen zu sein scheint; wie sich in der Psychologie
schließlich als ein letztes Konstituierendes die seelische Aktualität
zu ergeben scheint, so stellt sich Fechner deren Einheit als eine
oberste Energie vor von persönlicher Art, als ein göttliches
Wesen. Die Welt aber ist ihm der Leib Gottes; in ihr lebt
Gott als ihre Seele, sie ist eine immanente Bedingung seines
Daseins. Gott hat Bewußtsein und Selbstbewußtsein, seine
Gedanken sind zugleich wirkend und also Thatsachen: es kann
nichts Psychisches geben ohne Physisches. Als Einheit höchsten