Full text: Tonkunst, Bildende Kunst, Dichtung, Weltanschauung (E,1.1902)

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Weltanschauung. 
in gleicher Weise Recht und Raum des Lebens finden, hier 
schien es erreicht zu sein. 
Allein hatte sich nicht inzwischen schon eine neue psychologische 
Grundlage metaphysischen Denkens angemeldet? Verlangte die 
neue Zeit der Reizsamkeit nicht eine neue Psychologie nicht 
mehr so sehr des Triebes als noch viel elementarerer seelischer 
Vorgänge? Das ist das Moment, das die heutigen Be— 
strebungen auf psychologischem Gebiete so verworren und chaotisch 
macht: ein Neues will sich emporringen, aber noch sind seine 
Formen dunkel und ungewiß. Wie aber sollte sich auf dieser 
schwankenden und unsicheren Grundlage schon eine wohldurch— 
dachte metaphysische Hypothese entwickelt haben? Was die 
jüngste Zeit kennzeichnet, das ist bei allem Zuge zum Transcen— 
denten ein Stutzen bei dessen Ausbau, ein Verharren in Sehn— 
sucht, und wenn dieser Zustand des Verharrens überschritten 
wird, der UÜUbergang weit mehr zur Gedankendichtung als zur 
klaren metaphysischen Vermutung. Und hat eine Poesie auf 
diesem Gebiete nicht auch ihr Recht, vorausgesetzt allerdings, 
daß sie ständig eben als Poesie erkannt und behandelt wird? 
Unter diesen heute bestehenden Verhältnissen tritt das 
Denken eines Mannes mehr in den Vordergrund, der bei Leb⸗ 
zeiten als Metaphysiker gar wenig geschätzt ward: Fechners 
(Hauptwerk: „Die Tagesansicht gegenüber der Nachtansicht“, 
1879). Fechner lehrte die Tiefen einer modernen Weltan— 
schauung in phantastischen Formen des Denkens, aber vielleicht 
gerade deshalb besonders trostreich und eindringlich. Wie 
die Reduktion aller großen Agentien der Natur auf Bewegungs⸗ 
vorgänge gelungen zu sein scheint; wie sich in der Psychologie 
schließlich als ein letztes Konstituierendes die seelische Aktualität 
zu ergeben scheint, so stellt sich Fechner deren Einheit als eine 
oberste Energie vor von persönlicher Art, als ein göttliches 
Wesen. Die Welt aber ist ihm der Leib Gottes; in ihr lebt 
Gott als ihre Seele, sie ist eine immanente Bedingung seines 
Daseins. Gott hat Bewußtsein und Selbstbewußtsein, seine 
Gedanken sind zugleich wirkend und also Thatsachen: es kann 
nichts Psychisches geben ohne Physisches. Als Einheit höchsten
	        
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