Weltanschauung.
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zähligen Willensstrebungen, die unserem Körper als einem Zu⸗
sammengesetzten, als einer Einheit materieller Objekte innewohnen.
Und Ähnliches gilt für Tiere und Pflanzen: auch sie sind schon
sKomplexe aktueller seelischer Einheiten.
So bilden denn den Inhalt des Seins überhaupt aktuelle
seelische Einheiten, und da diese durchgängig in Beziehungen
zu einander stehen und durch diese sich vorstellen, so erscheint
das All als eine unendliche Vielheit von Willensthätigkeiten,
die sich durch ihre Wechselbestimmung, die vorstellende Thätig⸗
keit in eine Entwicklungsreihe von Willenseinheiten verschiedenen
Umfanges ordnen. Diese unendliche Vielheit von Willens—
thätigkeiten aber wird von uns, indem wir von der Vorstellung
unserer individuellen Einheit auf eine universelle schließen, als
Weltwille und als solcher göttlich gedacht: und die Welt—
entwicklung wird uns zur Entfaltung göttlichen Willens und
Wirkens.
Diese Entfaltung vollzieht sich nun zunächst im Aufbau des
Organischen, das nur das äußere Sein der göttlichen Aktualität
darstellt; und der Zweck ist dabei, die Erfolge des geistigen
Wirkens bleibend zu befestigen und stetig neue Unterlagen für
eine fortgesetzte Steigerung dieses Wirkens zu gewinnen. Über
das Organische hinaus aber wirkt sich der Wille des Geistes
aus im Sinne eines ständigen Wachstums der geistigen Energie:
so daß hier eine stetig schöpferische Entwicklung vorliegt. So
wird die Natur zu einer Vorstufe des Geistes, und in einem
ununterbrochenen Zusammenhang zweckvoller Gestaltungen, in
ewigem Werden und Geschehen geht über sie hinaus eine Welt
immer neuen geistigen Lebens hervor.
Lebhaft gemahnen diese Anschauungen, die Wundt unter
erdrückenden Nachweisen aus einem gewaltigen Wissensmaterial
vorträgt, an die Anfänge der subjektivistischen Metaphysik in
der zweiten Hälfte des 18. Jahrhunderts, nur daß sie um
einen Grad höher stehen. Was Herder damals ahnungsvoll
phantasierte, was vor ihm schon Leibniz seiner Zeit weit
vorauseilend schöpferisch und prophetisch lehrte: die Auffassung
der Welt als eines Organismus, in dem Natur und Geschichte
Lamprecht, Deutsche Geschichte. Erster Ergänzungsband. 28