Full text: Tonkunst, Bildende Kunst, Dichtung, Weltanschauung (E,1.1902)

Weltanschauung. 
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zähligen Willensstrebungen, die unserem Körper als einem Zu⸗ 
sammengesetzten, als einer Einheit materieller Objekte innewohnen. 
Und Ähnliches gilt für Tiere und Pflanzen: auch sie sind schon 
sKomplexe aktueller seelischer Einheiten. 
So bilden denn den Inhalt des Seins überhaupt aktuelle 
seelische Einheiten, und da diese durchgängig in Beziehungen 
zu einander stehen und durch diese sich vorstellen, so erscheint 
das All als eine unendliche Vielheit von Willensthätigkeiten, 
die sich durch ihre Wechselbestimmung, die vorstellende Thätig⸗ 
keit in eine Entwicklungsreihe von Willenseinheiten verschiedenen 
Umfanges ordnen. Diese unendliche Vielheit von Willens— 
thätigkeiten aber wird von uns, indem wir von der Vorstellung 
unserer individuellen Einheit auf eine universelle schließen, als 
Weltwille und als solcher göttlich gedacht: und die Welt— 
entwicklung wird uns zur Entfaltung göttlichen Willens und 
Wirkens. 
Diese Entfaltung vollzieht sich nun zunächst im Aufbau des 
Organischen, das nur das äußere Sein der göttlichen Aktualität 
darstellt; und der Zweck ist dabei, die Erfolge des geistigen 
Wirkens bleibend zu befestigen und stetig neue Unterlagen für 
eine fortgesetzte Steigerung dieses Wirkens zu gewinnen. Über 
das Organische hinaus aber wirkt sich der Wille des Geistes 
aus im Sinne eines ständigen Wachstums der geistigen Energie: 
so daß hier eine stetig schöpferische Entwicklung vorliegt. So 
wird die Natur zu einer Vorstufe des Geistes, und in einem 
ununterbrochenen Zusammenhang zweckvoller Gestaltungen, in 
ewigem Werden und Geschehen geht über sie hinaus eine Welt 
immer neuen geistigen Lebens hervor. 
Lebhaft gemahnen diese Anschauungen, die Wundt unter 
erdrückenden Nachweisen aus einem gewaltigen Wissensmaterial 
vorträgt, an die Anfänge der subjektivistischen Metaphysik in 
der zweiten Hälfte des 18. Jahrhunderts, nur daß sie um 
einen Grad höher stehen. Was Herder damals ahnungsvoll 
phantasierte, was vor ihm schon Leibniz seiner Zeit weit 
vorauseilend schöpferisch und prophetisch lehrte: die Auffassung 
der Welt als eines Organismus, in dem Natur und Geschichte 
Lamprecht, Deutsche Geschichte. Erster Ergänzungsband. 28
	        
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