Full text: Tonkunst, Bildende Kunst, Dichtung, Weltanschauung (E,1.1902)

Weltanschauung. 
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logie erst im Verlauf des subjektivistischen Zeitalters aus 
einer dienenden Stellung gegenüber der Metaphysik aus— 
geschieden. Nachdem die Unterscheidung Wolfs zwischen meta— 
physischer (rationaler) und empirischer Psychologie dieser 
Emanzipation vorgearbeitet hatte, entwickelten sich seit der 
Mitte des 18. Jahrhunderts, etwa seit Creuzers Versuch über 
die Seele, während der Perioden der Empfindsamkeit, des 
Sturmes und Dranges und teilweis auch noch des Klassizismus 
verheißungsvolle Anfänge einer empirischen Psychologie; zahl— 
reiche Beschreibungen seelischer Vorgänge häuften sich in eigens 
für sie begründeten Zeitschriften an, eine Unsumme von 
Materialien zur Seelenkenntnis in individualpsychischer wie 
sozialpsychischer Hinsicht wurde herbeigeschleppt: es waren Vor— 
gänge, die an die psychologische Bewegung seit den fünfziger 
und sechziger Jahren des 19. Jahrhunderts erinnern, nur daß 
diese neuere Bewegung gegenüber der früheren einen starken 
Gradunterschied zu ihren Gunsten aufweist. Diese ganze Ent— 
wicklung begann aber gegen Ende des 18. Jahrhunderts zu 
stocken, wie so viele andere radikal-subjektivistische Anfänge: der 
Klassizismus brachte eine Verquickung und innige Durchdringung 
der neuen Tendenzen mit den älteren rationalistischen, die einer 
empirischen Psychologie unmöglich günstig sein konnte; und 
Kant, der Held des Vorganges dieser Durchdringung auf 
philosophischem Gebiete, erklärte eine reine Erfahrungswissen— 
schaft von der Seele für unmöglich, da auf dem psychologischen 
Arbeitsgebiete weder die mathematische Praxis noch das Expe— 
riment, die einzigen eigentlich sicheren Methoden der Wissen— 
schaft, angewandt werden könnten. 
Und nun folgte die Identitätsphilosophie, die von allen 
psychologischen Begriffen der Zeit nur des am wenigsten empi— 
rischen, der Einheitlichkeit nämlich unseres Ichbewußtseins, der 
Kantschen transcendentalen Apperzeption, bedurfte: — die 
Zeiten psychologischer Fortschritte schienen vorüber. Und gleich— 
zeitig mit dem individualpsychologischen Zweig der Forschung 
verdorrte auch der sozialpsychologische: weder wurde die Hilfs— 
wissenschaft der Statistik seit Ausgang des 18. Jahrhunderts
	        
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