Weltanschauung.
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Mach. Aber ihnen hält eine andere Gruppe die Wage, deren
Mitglieder die Seele als ein Subjekt noch über den einzelnen
experimentell untersuchten psychischen Vorgängen ansehen: so
daß ihnen also nicht der gegebene psychische Prozeß und die
Reihe solcher Prozesse die Seele ausmacht, sondern das über
ihnen stehende Ichbewußtsein. Das ist die Ansicht von Wundt,
von Rehmcke, von Höffding, von Paulsen.
Nun versteht sich, daß vielfache Modifikationen dieser
Grundansichten denkbar sind. Allein selbst wenn dies nicht der
Fall wäre, genügt der bestehende Unterschied dennoch, die
heutige Psychologie noch vielfach von den Schwankungen der
Weltanschauung und von der jeweiligen ethischen und ästhetischen
Auffassung der Seele durch die Zeitgenossen abhängig zu machen.
Ist es z. B. nicht klar — und auch in diesem Buche gelegentlich
schon dargelegt, — daß ein naturalistischer Impressionismus
die bloße Aktualität annehmen, ein idealistischer sich mit dem
Ichbewußtsein befreunden wird?
Soll die Psychologie festes Fundament zeitgenössischer Er—
kenntnis sein und werden, so bedarf es vor allem der Klärung
des ungeheuren in ihrem Bereich angesammelten Thatsachen—
materials durch eine entscheidende, durchgreifend überzeugende
Synthese: sie allein kann die bestehende Gärung überwinden.
Dann aber wird auch die Psychologie der Nervenvorgänge in
ihrem Verhältnis zur Empfindung, und damit auch die
Klärung der spezifischen Psychologie des gegenwärtigen Zeitalters
mit besonderem und anderem Erfolge aufzunehmen sein als bisher.
Wird nun bei dieser Lage die allgemeine Erkenntnistheorie,
insofern für sie die Fundamentierung im Psychologischen nicht
umgangen werden kann, heutzutage imstande sein, die An⸗
forderungen an eine allgemeine Orientierung zu befriedigen, die
aus den Einzelwissenschaften an sie herandringen?
Die Kantsche Erkenntnistheorie hatte sich vornehmlich auf
die apriorische Erkenntnis, das reine Wissen bezogen und eben
damit die Voraussetzung der Gedankendichtungen Fichtes,
Schellings, Hegels geschaffen. Wie wir dagegen das empirische