Full text: Tonkunst, Bildende Kunst, Dichtung, Weltanschauung (E,1.1902)

Weltanschauung. 
als aus dem dialektischen Wust der Gedankendichtung wenig— 
stens wiederum bis auf die klareren Lehren Kants zurück— 
zugreifen. Und das geschah denn auch, freilich anfangs rein 
reproduzierend; Jürgen Bona Meyer hat sogar noch die Kantsche 
psychologische Grundlage, die Annahme der drei Seelen⸗ 
vermögen, gegen Herbart verteidigt. Und seit dann zuerst 
Christian Hermann Weiße 1847, später, 1862, Eduard Zeller 
besonders eindrucksvoll auf Kants Erkenntnistheorie hingewiesen 
hatten, entwickelte sich, zunächst zur Förderung dieser, in den 
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Krönung das Erscheinen einer eigenen Zeitschrift „Kant— 
studien“ seit 1896 sowie der Beschluß der Berliner Akademie 
vom gleichen Jahre angesehen werden kann, die Werke Kants 
in einer monumentalen Ausgabe zu veröffentlichen. 
Allein ließ sich denn nun die Kantsche Erkenntnistheorie 
wirklich so ohne weiteres halten? Genügte ihre Reproduktion 
in jedem Betracht? Entzog ihr nicht schon die inzwischen ent— 
faltete Entwicklungslehre die rationalen Bestandteile ihrer 
Basis, indem sie auch die Psyche in den Fluß alles Geschehens 
stellte? Und sekundierte diesem Zerstörungswerk nicht von 
Jahr zu Jahr stärker die neue empirische Psychologie, be— 
sonders nach dem Übergreifen des Denkens Mills und anderer 
Positivisten nach Deutschland? Es ging nicht anders, als daß 
allmählich eine Umbildung der alten Lehre eintrat: wobei denn 
die apriorischen Begriffe Kants immer mehr in den Hintergrund 
gerieten und eine immer stärkere phänomenalistische Erklärung 
des Erkennens sich stets enger an die psychologische Erfahrung 
anschloß. Aber freilich: da diese Erfahrung noch nicht ein— 
heitlich und eindeutig war, so sind bisher auch die Ergebnisse 
noch sehr verschieden ausgefallen. 
Der erste, der stärker an dem System Kants rüttelte, war 
Friedrich Albert Lange in seiner Geschichte des Materialismus 
(1866). Gewiß nahm er noch mit Kant apriorische Formen 
der Anschauung und des Urteils als Grundlagen der gesamten 
Erfahrung an. Indes eine reine Deduktion dieser Formen 
schien ihm unmöglich. Vielmehr wollte er diese obersten Ver—
	        
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