Full text: Tonkunst, Bildende Kunst, Dichtung, Weltanschauung (E,1.1902)

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Weltanschauung. 
Wissen und damit auch das Wissen der Spezialwissenschaften 
erlangen, das hatte Kant weit weniger untersucht. 
Und konnte er das bei seiner Stellung zur Psycholoqie 
als seine Aufgabe betrachten? 
Unser Wissen zerfällt in ein intuitives, unmittelbares, und 
ein Wissen aus Folgerungen, für welche Gründe oder Beweise 
angeführt werden können. Das unmittelbare Wissen wird uns 
durch sinnliche Wahrnehmung oder durch innere, psychische Zu⸗ 
stände. Dabei läßt sich die unmittelbare sinnliche Wahr⸗ 
nehmung nicht weiter reduzieren: ihr Inhalt muß anerkannt und 
kann höchstens noch klassifiziert werden. Das Erkennen dagegen 
durch innere psychische Zustände unterliegt noch sehr wohl 
weiterer Analyse. Ist sie vorgenommen und damit der mögliche 
Inhalt unseres unmittelbaren Wissens festgestellt, so wird es 
Aufgabe einer Erkenntnistheorie im engeren Sinne, klarzulegen, 
auf welche Weise wir zu dem Teil unserer Erkenntnis gelangen, 
der nicht intuitiv ist, und nach welchen Kennzeichen wir diesen 
zu ordnen haben. Aus diesen Zusammenhängen, mag man sie 
in jeder Hinsicht anerkennen oder nicht, geht doch immer so 
viel als sicher hervor, daß die Erkenntnistheorie neuerer Zeiten, 
abgesehen davon, daß sie durch die Einzelwissenschaften partikular 
und unsystematisch gefördert wurde, im ganzen von den Fort⸗ 
schritten der Psychologie abhängig werden mußte. Konnte aber 
Kant die unklare Errungenschaft der subjektivistischen Psychologie 
seit etwa 1750 allein schon erkenntnistheoretisch verwerten? 
Er hielt sich, wenigstens in der Formulierung der psychologischen 
Basis seiner Theorien, noch an das Denken der rationalen 
Psychologie des individualistischen Zeitalters und entwickelte 
daraus ganz folgerichtig die erkenntnistheoretische Grundlage 
einer spekulativen Philosophie. 
Die spekulative Philosophie aber hat dann mit ihrer Dia— 
lektik fast die ganze erste Hälfte des 19. Jahrhunderts beherrscht. 
Als man sich endlich unter dem immer stärkeren Auf⸗ 
schwung besonders der Naturwissenschaften wieder mehr auf eine 
allgemeine erkenntnistheoretische Grundlage alles wissenschaft⸗ 
lichen Denkens zu besinnen begann, schien zunächst nichts möglich,
	        
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