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Weltanschauung.
Wissen und damit auch das Wissen der Spezialwissenschaften
erlangen, das hatte Kant weit weniger untersucht.
Und konnte er das bei seiner Stellung zur Psycholoqie
als seine Aufgabe betrachten?
Unser Wissen zerfällt in ein intuitives, unmittelbares, und
ein Wissen aus Folgerungen, für welche Gründe oder Beweise
angeführt werden können. Das unmittelbare Wissen wird uns
durch sinnliche Wahrnehmung oder durch innere, psychische Zu⸗
stände. Dabei läßt sich die unmittelbare sinnliche Wahr⸗
nehmung nicht weiter reduzieren: ihr Inhalt muß anerkannt und
kann höchstens noch klassifiziert werden. Das Erkennen dagegen
durch innere psychische Zustände unterliegt noch sehr wohl
weiterer Analyse. Ist sie vorgenommen und damit der mögliche
Inhalt unseres unmittelbaren Wissens festgestellt, so wird es
Aufgabe einer Erkenntnistheorie im engeren Sinne, klarzulegen,
auf welche Weise wir zu dem Teil unserer Erkenntnis gelangen,
der nicht intuitiv ist, und nach welchen Kennzeichen wir diesen
zu ordnen haben. Aus diesen Zusammenhängen, mag man sie
in jeder Hinsicht anerkennen oder nicht, geht doch immer so
viel als sicher hervor, daß die Erkenntnistheorie neuerer Zeiten,
abgesehen davon, daß sie durch die Einzelwissenschaften partikular
und unsystematisch gefördert wurde, im ganzen von den Fort⸗
schritten der Psychologie abhängig werden mußte. Konnte aber
Kant die unklare Errungenschaft der subjektivistischen Psychologie
seit etwa 1750 allein schon erkenntnistheoretisch verwerten?
Er hielt sich, wenigstens in der Formulierung der psychologischen
Basis seiner Theorien, noch an das Denken der rationalen
Psychologie des individualistischen Zeitalters und entwickelte
daraus ganz folgerichtig die erkenntnistheoretische Grundlage
einer spekulativen Philosophie.
Die spekulative Philosophie aber hat dann mit ihrer Dia—
lektik fast die ganze erste Hälfte des 19. Jahrhunderts beherrscht.
Als man sich endlich unter dem immer stärkeren Auf⸗
schwung besonders der Naturwissenschaften wieder mehr auf eine
allgemeine erkenntnistheoretische Grundlage alles wissenschaft⸗
lichen Denkens zu besinnen begann, schien zunächst nichts möglich,