Full text: Tonkunst, Bildende Kunst, Dichtung, Weltanschauung (E,1.1902)

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Weltanschauung. 
2. Wie sich die Entwicklung der konkreten Wissenschaft 
unter diesen allgemeinen Zeitbedingungen bisher gestaltet hat? 
Es ist nicht mit zwei Worten zu sagen. Einige Andeutungen 
müssen genügen gegenüber Bewegungen, die noch im ersten 
Flusse befindlich sind. 
Die Darlegung der Lage der Naturwissenschaften ist dabei 
noch einfach genug. Die Naturwissenschaften haben seit dem 
17. Jahrhundert ihre klare Methode, die nur vorübergehend 
durch die Auswüchse der naturphilosophischen Spekulation zur 
Zeit der Romantik unterbrochen, im übrigen aber immer stärker 
weiter durchgebildet worden ist, wie denn auch die gemäßigte 
naturphilosophische Spekulation durch geistreiche Hypothesen zu 
ihrer Entfaltung beigetragen hat: — es besteht kaum eine 
Gefahr, daß diese Methode umgestoßen werde. Wohl aber 
steht, nicht ohne eine gewisse Förderung durch die ästhetischen 
Tendenzen der Zeit, eine Erweiterung dieser Methode in Aus— 
sicht, die den Naturwissenschaften dem Stoffe nach vielleicht 
den genaueren Anschluß an die untersten Elemente des Seelen— 
lebens bringen wird. Würde diese Richtung eingeschlagen und 
durchgeführt, so würde sie in ihrem Verlauf natürlich auch für 
die Geisteswissenschaften von höchster Bedeutung sein. 
Das eigentlich Neue auf dem Gebiete der Naturwissen— 
schaften während des 19. Jahrhunderts ist bekanntlich das 
Auftreten der physiologisch-biologischen Forschungen und 
Methoden gewesen. Und da war es denn mit die größte Er— 
rungenschaft, daß, namentlich durch Ludwig, die verwickeltsten 
Lebenserscheinungen auch der höchsten Organismen, der Vier— 
Philosophie geben, nie wird in Weltanschauung und Lebensbeurteilung 
strenge Wissenschaft einziehen. Das Ausschlaggebende werden da stets 
individuelle Momente sein und zwar so sehr individuelle, daß man sie 
nicht als eine Folgeerscheinung der „bleibenden inneren Struktur des 
(allgemein-⸗menschlichen Geistes“ betrachten darf. Von Allgemeingültig— 
keit, sei es der metaphysischen Prinzipien, sei es der ethischen Normen, 
sei es der „Kulturwerte“, weiß die Wirklichkeit nichts.“ Hinzuzufügen 
wäre dem, daß, wenn es ein Unwandelbares im Wechsel giebt, dies das 
Entwicklungsgesetz ist, und nicht einzelne Phasen der jeweiligen Er— 
scheinung desselben.
	        
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