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Weltanschauung.
2. Wie sich die Entwicklung der konkreten Wissenschaft
unter diesen allgemeinen Zeitbedingungen bisher gestaltet hat?
Es ist nicht mit zwei Worten zu sagen. Einige Andeutungen
müssen genügen gegenüber Bewegungen, die noch im ersten
Flusse befindlich sind.
Die Darlegung der Lage der Naturwissenschaften ist dabei
noch einfach genug. Die Naturwissenschaften haben seit dem
17. Jahrhundert ihre klare Methode, die nur vorübergehend
durch die Auswüchse der naturphilosophischen Spekulation zur
Zeit der Romantik unterbrochen, im übrigen aber immer stärker
weiter durchgebildet worden ist, wie denn auch die gemäßigte
naturphilosophische Spekulation durch geistreiche Hypothesen zu
ihrer Entfaltung beigetragen hat: — es besteht kaum eine
Gefahr, daß diese Methode umgestoßen werde. Wohl aber
steht, nicht ohne eine gewisse Förderung durch die ästhetischen
Tendenzen der Zeit, eine Erweiterung dieser Methode in Aus—
sicht, die den Naturwissenschaften dem Stoffe nach vielleicht
den genaueren Anschluß an die untersten Elemente des Seelen—
lebens bringen wird. Würde diese Richtung eingeschlagen und
durchgeführt, so würde sie in ihrem Verlauf natürlich auch für
die Geisteswissenschaften von höchster Bedeutung sein.
Das eigentlich Neue auf dem Gebiete der Naturwissen—
schaften während des 19. Jahrhunderts ist bekanntlich das
Auftreten der physiologisch-biologischen Forschungen und
Methoden gewesen. Und da war es denn mit die größte Er—
rungenschaft, daß, namentlich durch Ludwig, die verwickeltsten
Lebenserscheinungen auch der höchsten Organismen, der Vier—
Philosophie geben, nie wird in Weltanschauung und Lebensbeurteilung
strenge Wissenschaft einziehen. Das Ausschlaggebende werden da stets
individuelle Momente sein und zwar so sehr individuelle, daß man sie
nicht als eine Folgeerscheinung der „bleibenden inneren Struktur des
(allgemein-⸗menschlichen Geistes“ betrachten darf. Von Allgemeingültig—
keit, sei es der metaphysischen Prinzipien, sei es der ethischen Normen,
sei es der „Kulturwerte“, weiß die Wirklichkeit nichts.“ Hinzuzufügen
wäre dem, daß, wenn es ein Unwandelbares im Wechsel giebt, dies das
Entwicklungsgesetz ist, und nicht einzelne Phasen der jeweiligen Er—
scheinung desselben.