Full text: Tonkunst, Bildende Kunst, Dichtung, Weltanschauung (E,1.1902)

Tonkunst. 
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herben Diatonik vornehmlich des Anfangs der zweiten Periode 
inserer Musik wieder auf. Geschieht das aber auf dem Wege 
organischer Weiterbildung? Keineswegs! Es ist nur eine 
Folge des Historismus, der etwa von den zwanziger bis achtziger 
Jahren des 19. Jahrhunderts alle unsere Künste beherrscht 
hat: die geschichtliche Einsicht stellte diese alte herbe Musik 
zur Verfügung, und man nahm deren Harmonik gern auf, wo 
sie der jetzt, also nur moderner Weise mit ihr verknüpft ge⸗ 
fühlten Empfindungswelt des Herben und Primitiven den 
hesten Ausdruck zu geben vermochte. Es handelt sich also 
thatsächlich nur um eine Renaissance des Alten zur Vergrößerung 
der Spannungsweite des modernen musikalischen Empfindens; 
ind demgemäß ist die Nachahmung auch niemals genau, sondern 
moderneni Bedurfnis angepaßt; so gebraucht man z. B. in der 
modernen Musik die sogenannten Nebensextakkorde selbständig, 
was in ihrer eigentlichen Zeitheimat, dem späteren Mittelalter, 
aiemals der Fall war. 
Es ist also mit diesem musikalischen Historismus wie mit 
anderen Historismen, etwa den Anknüpfungen der englischen 
Prärafaeliten oder der deutschen Idealisten (Böcklin, Klinger) 
an das Quattrocento oder den Wiederbelebungsversuchen 
früherer Zeiten im historischen Roman: getragen von einem 
—D000 gingen sie zu— 
nächst von Kontrastwirkungen aus und benutzten diese zur Wieder⸗ 
gabe bisher unbekannter oder wenigstens noch nicht sinnlich 
genau zum Ausdruck gebrachter Empfindungen: — daß sie 
damit zugleich, wenigstens gelegentlich, wie in der Malerei, 
einem noch tieferen Bedürfnis der Zeit gerecht wurden, gehört 
einem anderen Zusammenhang an und wird später in diesem 
erörtert werden. 
Wie wuchtig dieser Gegensatz zwischen moderner Chromatik 
und urwüchsiger Diatonik benutzt werden kann, zeigt ein⸗ 
dringlich z. B. die symphonische Dichtung „Tod und Ver—⸗ 
klärung“ von Richard Strauß: hier erscheint der im Titel 
hervorgehobene Kontrast musikalisch geradezu auf diesem Gegen⸗ 
satze aufgebaut. —
	        
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