Tonkunst.
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herben Diatonik vornehmlich des Anfangs der zweiten Periode
inserer Musik wieder auf. Geschieht das aber auf dem Wege
organischer Weiterbildung? Keineswegs! Es ist nur eine
Folge des Historismus, der etwa von den zwanziger bis achtziger
Jahren des 19. Jahrhunderts alle unsere Künste beherrscht
hat: die geschichtliche Einsicht stellte diese alte herbe Musik
zur Verfügung, und man nahm deren Harmonik gern auf, wo
sie der jetzt, also nur moderner Weise mit ihr verknüpft ge⸗
fühlten Empfindungswelt des Herben und Primitiven den
hesten Ausdruck zu geben vermochte. Es handelt sich also
thatsächlich nur um eine Renaissance des Alten zur Vergrößerung
der Spannungsweite des modernen musikalischen Empfindens;
ind demgemäß ist die Nachahmung auch niemals genau, sondern
moderneni Bedurfnis angepaßt; so gebraucht man z. B. in der
modernen Musik die sogenannten Nebensextakkorde selbständig,
was in ihrer eigentlichen Zeitheimat, dem späteren Mittelalter,
aiemals der Fall war.
Es ist also mit diesem musikalischen Historismus wie mit
anderen Historismen, etwa den Anknüpfungen der englischen
Prärafaeliten oder der deutschen Idealisten (Böcklin, Klinger)
an das Quattrocento oder den Wiederbelebungsversuchen
früherer Zeiten im historischen Roman: getragen von einem
—D000 gingen sie zu—
nächst von Kontrastwirkungen aus und benutzten diese zur Wieder⸗
gabe bisher unbekannter oder wenigstens noch nicht sinnlich
genau zum Ausdruck gebrachter Empfindungen: — daß sie
damit zugleich, wenigstens gelegentlich, wie in der Malerei,
einem noch tieferen Bedürfnis der Zeit gerecht wurden, gehört
einem anderen Zusammenhang an und wird später in diesem
erörtert werden.
Wie wuchtig dieser Gegensatz zwischen moderner Chromatik
und urwüchsiger Diatonik benutzt werden kann, zeigt ein⸗
dringlich z. B. die symphonische Dichtung „Tod und Ver—⸗
klärung“ von Richard Strauß: hier erscheint der im Titel
hervorgehobene Kontrast musikalisch geradezu auf diesem Gegen⸗
satze aufgebaut. —