Tonkunst.
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deren man in der alten Kunst noch Empfänglichkeit haätte er—⸗
warten können.
So war es z. B. jetzt, bei gesteigertem Sinn für die
Chromatik und damit auch für deren Gegenteil, die Diatonik,
möglich, trotz größter Mannigfaltigkeit des harmonischen Lebens
den tonalen Grundcharakter weit entschiedener als bisher zum
Ausdruck ausgedehnter musikalischer Kunstwerke zu machen. Denn
weit entfernt davon, daß das moderne Ohr sich durch fort—
währende Häufung chromatischer Momente in der Aufnahme
und dem Festhalten des tonalen Grundcharakters stören ließ,
faßte es vielmehr, eben infolge des Reizes der chromatischen
Gegenwirkungen, diesen Charakter um so entschiedener ins
Auge, erhielt es sich um so mehr seine einheitlichere Stimmung.
Und so brauchte der Künstler nicht zu fürchten, daß der Hörer
den Faden der Tonalität verliere, auch wenn er diesen durch
Werke von früher nicht gekannter Ausdehnung hin einheitlich
und energisch festhielt. So ist das z. B. in Wagners „Parsifal“
geschehen; mit weit mehr Recht führt er die Angabe in As—
Dur, als manche Symphonie der älteren Zeit die Bezeichnung
ihrer besonderen Tonart. Entsprechende Erscheinungen traten auch
in Stimmführung und Rhythmik auf. Die moderne Musik hat es
z. B. durch rastlose Modulationen infolge veränderter Harmonik
zu bisher fast unerhört langen und dennoch unaufhaltsam
wirkenden Steigerungen (von 30, 40 und mehr Takten) ge—
bracht und verfügt dadurch schon auf dem Wege der Stimm—
führung über ganz neue Mittel, große Tonwerke aufs ent—
schiedenste zu binden und zu vereinheitlichen. Und durch die
zahlreichen Abweichungen zwischen Takt und Rhythmus ist auch
das rhythmische Gefühl so gestärkt, daß es trotz aller rhyth—
mischen Dissonanzen oder vielmehr eben wegen dieser einen be—
stimmten Rhythmus auch dann noch klar festhält (nicht „aus
dem Takt kommt“), wenn er sich über ein besonders langes
Werk erstreckt. Auch hier bietet wieder die Musik Wagners
hervorragende Beispiele; so hinterläßt z. B. der „Lohengrin“
noch tagelang nach der Aufführung, ähnlich etwa einer bewegten
Seefahrt, die Empfindung eines bestimmten Rhythmus.
Lamprecht, Deutsche Geschichte. Erster Ergünzungsband. 3