Full text: Tonkunst, Bildende Kunst, Dichtung, Weltanschauung (E,1.1902)

Tonkunst. 
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deren man in der alten Kunst noch Empfänglichkeit haätte er—⸗ 
warten können. 
So war es z. B. jetzt, bei gesteigertem Sinn für die 
Chromatik und damit auch für deren Gegenteil, die Diatonik, 
möglich, trotz größter Mannigfaltigkeit des harmonischen Lebens 
den tonalen Grundcharakter weit entschiedener als bisher zum 
Ausdruck ausgedehnter musikalischer Kunstwerke zu machen. Denn 
weit entfernt davon, daß das moderne Ohr sich durch fort— 
währende Häufung chromatischer Momente in der Aufnahme 
und dem Festhalten des tonalen Grundcharakters stören ließ, 
faßte es vielmehr, eben infolge des Reizes der chromatischen 
Gegenwirkungen, diesen Charakter um so entschiedener ins 
Auge, erhielt es sich um so mehr seine einheitlichere Stimmung. 
Und so brauchte der Künstler nicht zu fürchten, daß der Hörer 
den Faden der Tonalität verliere, auch wenn er diesen durch 
Werke von früher nicht gekannter Ausdehnung hin einheitlich 
und energisch festhielt. So ist das z. B. in Wagners „Parsifal“ 
geschehen; mit weit mehr Recht führt er die Angabe in As— 
Dur, als manche Symphonie der älteren Zeit die Bezeichnung 
ihrer besonderen Tonart. Entsprechende Erscheinungen traten auch 
in Stimmführung und Rhythmik auf. Die moderne Musik hat es 
z. B. durch rastlose Modulationen infolge veränderter Harmonik 
zu bisher fast unerhört langen und dennoch unaufhaltsam 
wirkenden Steigerungen (von 30, 40 und mehr Takten) ge— 
bracht und verfügt dadurch schon auf dem Wege der Stimm— 
führung über ganz neue Mittel, große Tonwerke aufs ent— 
schiedenste zu binden und zu vereinheitlichen. Und durch die 
zahlreichen Abweichungen zwischen Takt und Rhythmus ist auch 
das rhythmische Gefühl so gestärkt, daß es trotz aller rhyth— 
mischen Dissonanzen oder vielmehr eben wegen dieser einen be— 
stimmten Rhythmus auch dann noch klar festhält (nicht „aus 
dem Takt kommt“), wenn er sich über ein besonders langes 
Werk erstreckt. Auch hier bietet wieder die Musik Wagners 
hervorragende Beispiele; so hinterläßt z. B. der „Lohengrin“ 
noch tagelang nach der Aufführung, ähnlich etwa einer bewegten 
Seefahrt, die Empfindung eines bestimmten Rhythmus. 
Lamprecht, Deutsche Geschichte. Erster Ergünzungsband. 3
	        
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