Full text: Tonkunst, Bildende Kunst, Dichtung, Weltanschauung (E,1.1902)

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Tonkunst. 
Da versteht es sich denn von selbst, daß diese neuen pfy⸗ 
hischen Voraussetzungen für das Schaffen und bald auch das 
Hören von Musik alle Formen des bisherigen musikalischen 
Kunstwerks auf die Dauer sprengen mußten. Ganz andere 
Langatmigkeit und ganz andere innere Geschlossenheit, als bis— 
her: das wurde die unumgängliche Losung der neuen Musik. 
Wie konnte da also die alte musikalische Architektur mit 
ihrer breiten malerischen Lagerung, mit ihren Ausbauten und 
Annexen, die Symphonie und Sonate mit ihren Teilen von oft 
so verschiedenartigem Empfindungscharakter, und wie gar die Oper 
mit ihren Arien, Ritornellen, Duetten, Terzetten, Chören be⸗ 
stehen bleiben? Alle diese Formen mit ihren starken Ein⸗ 
schnitten, mit ihrem Lückenmäßigen waren für die neue Musik 
im Grunde unbrauchbar — am meisten freilich die Oper: hier 
hat schon Gluck die Unmöglichkeit des Fortlebens in den alten 
Formen gefühlt. Wie also in der Architektur ein Bauten— 
komplex von heiter hingelagertem malerischem Auseinander, der 
Hofbau etwa eines deutschen Bauern mit Wohnhaus und Scheuer 
und Stallgebäuden und Koben beim Übergang zur städtischen 
Kultur dem einen großen, alles umfassenden Bürgerhause mit 
——— hatte weichen müssen, so 
schwanden jetzt die malerisch-architektonischen Formen der alten 
Musik noch des klassischen Zeitalters vor neueren, umfang⸗ 
reicheren, einheitlicher und kompakter organisierten Gebilden. 
Diese neuen Gebilde aber vermochten am leichtesten da 
gewonnen zu werden, wo nicht bloß unbestimmte Gefühle das 
Gerüst der musikalischen Stimmung abgaben, sondern unzwei— 
deutige Mittel der Sprache die Stimmung entschieden und 
klar zum Ausdruck brachten: also in der von Texten begleiteten 
Musik: im Lied, im Oratorium, in der Oper. Und so geschah 
es. Das Lied wurde schon in der zweiten Hälfte des 18. Jahr⸗ 
hunderts der Träger der jungen Anfänge der neuen Kunst; die 
Oper sah sich seit Gluck auf denselben Pfad gedrängt und 
schlug ihn erfolgreich ein seit Wagner; und das Oratorium ist, 
wenn auch noch tastend, des gleichen Weges gegangen seit Liszt. 
Und die Instrumentalmusik? Hat sie die großen eurhyth—⸗
	        
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